Das wildeste Buch

Essay

Was passiert, wenn man einen Roman nach Jahren noch einmal liest – diesmal mit kritischerem Blick? Katharina Adler über ihre zweifache Begegnung mit Thomas Manns Doktor Faustus: vom jugendlichen Ersatz fürs eigene Schreiben bis zur Wiederentdeckung eines Werks, das seine Schwächen offen zeigt – und gerade deshalb lehrt, was Literatur wagen kann.

Wenn es jemanden gibt, der mittlerweile zu einem stehenden Begriff geworden ist, dann ist das doch Thomas Mann. Synonym ist er für Großschriftsteller, Großfamilie, Großromane, Großnovellen, Großdisziplin und großkomplizierte Sexualität. So groß war er schon zu Lebzeiten, selbst seine Nächsten sprachen von ihm als „Z.“, eine Abkürzung für „Der Zauberer“. Kein Wunder also, dass ich, als ich recht wahllos die vergilbten Fischer-Taschenbuchausgaben aus den Regalen meiner Eltern zog, schon viele diffuse Großvorstellungen von Thomas Mann hatte, bevor ich nur eine Zeile von ihm kannte. Ich glaube, ich erwartete damals, noch während der Schulzeit, durch seine Werke in intellektuelle Sphären gehoben zu werden, in die ich selbst würde kaum gelangen können. Und war dann erstaunt, wie unterhaltsam der Felix Krull war, wie zugänglich Der Tod in Venedig. Froh machte mich Gladius Dei. Auch wenn die Erzählung zu dem Zeitpunkt, als ich sie las, schon knapp hundert Jahre alt war, gab sie mir das Gefühl, die Stadt, in der ich aufwuchs, herrlich genau zu beschreiben. „München leuchtete“ vor mir aus dem Taschenbuch, dessen Klebebindung schon brüchig war.

Man merkt es bereits an der Aufzählung, ich wagte mich erst an die kürzeren Texte Thomas Manns. Nach dem Ende der Schule, ich wohnte nicht mehr zu Hause, hatte nicht mehr das Buchregal meiner Eltern zur Verfügung, wollte ich das ändern. Einer der dicken Wälzer von Thomas Mann, lautete mein Vorhaben, das mehr sportlichen Charakter hatte, als einem inhaltlichen Leitfaden zu folgen. Ich ging in die Buchhandlung und auch wenn ich nicht an so große Dinge wie Vorsehung glaube, war es dennoch ein schöner Zufall, dass gerade zu dieser Zeit eine neue limitierte Sonderausgabe des Doktor Faustus auslag. Eigentlich wären die Buddenbrooks und Der Zauberberg naheliegender gewesen, aber der Doktor Faustus schien mir plötzlich eine gute Wahl. In meinen Augen nicht ganz so überberühmt, trotzdem ausreichend Seiten, um der Sportlichkeit zu genügen; die Bearbeitung des Faust-Motivs interessierte mich.

In der Buchhandlung damals ahnte ich noch nicht, dass ich mit dem Doktor Faustus den Roman von Thomas Mann gefunden hatte, der zu mir sprechen würde wie kein anderer. Aufgewachsen in einer Opernfamilie, hatte ich vage Ambitionen zu komponieren längst wieder aufgegeben. Schreiben wollte ich, schrieb allerdings wenig, eigentlich nichts. Ich wollte nur, wollte so sehr, dass mir dieses Wollen allein schon alle Energie raubte. Wäre mir damals der Teufel erschienen und hätte den Pakt vorgeschlagen, ich hätte nun vierundzwanzig Jahre produktiver Schriftstellerei vor mir, wenn ich dafür auf die Liebe verzichtete, ich hätte es wie Manns Hauptfigur, der Komponist Adrian Leverkühn, gehalten, ich hätte eingeschlagen.

Zu dieser Zeit war Lesen für mich ein Substitut fürs Schreiben. Der Doktor Faustus war ein äußerst befriedigender Ersatz. Es fiel mir leicht, mich mit dem Erzähler Serenus Zeitblom zu identifizieren. Während Zeitblom das Schicksal seines besten Freundes Leverkühn referiert, stellt er immer wieder die Qualität und Form seines Berichts in Frage. Die Passagen, die Leverkühns Kompositionen beschreiben, hätte ich damals gern gleich vertont gehört. Noch mehr als der Roman selbst aber, faszinierte mich dessen Entstehungsgeschichte. Schon vierzig Jahre, bevor Thomas Mann mit der Niederschrift des Doktor Faustus begonnen hatte, hatte er die Idee für diesen Stoff. Zur Vorbereitung las er Biographien von Komponisten, beschäftigte sich eingehend mit musikwissenschaftlicher Lektüre. Er korrespondierte und traf sich mit Strawinsky und Hans Eisler, um die Grundlagen der Komposition zu erlernen. Im Austausch mit Schönberg machte er sich mit der Zwölftontechnik vertraut, um dann im Doktor Faustus – man kann durchaus sagen dreist – zu behaupten, Adrian Leverkühn habe dieses neue kompositorische Verfahren erfunden. Nach Diskussionen mit Adorno überarbeitete Thomas Mann die „musikalischen“ Stellen des Romans. Nietzsche diente unter anderem als Vorbild für die Hauptfigur des Komponisten.

Die Vorstellung so zu recherchieren und zu kollaborieren, imponierte mir.  Das Zerwürfnis zwischen Mann und Schönberg, der sich durch den Schriftsteller ausspioniert, ja hintergangen fühlte, und sich öffentlich gegen den Doktor Faustus nach dessen Publikation zur Wehr setzte, fand ich eine spannende Anekdote. Insgeheim war da außerdem Trost für meine junge blockierte Seele, die nichts zu Papier brachte. Thomas Mann gab mir damals die Hoffnung wenigstens vielleicht Einfälle zu haben, die ich dann um das Jahr 2040 realisieren würde.

So lange hat es doch nicht gedauert, bis ich meine ersten Ideen ausformulieren konnte. Glücklicherweise sogar ohne Teufels Hilfe. Ein Roman ist veröffentlicht, der nächste fast fertig, als ich den Doktor Faustus erneut zur Hand nehme. Dieses Mal nicht so unbedarft, sogar eher mit Vorbehalten. Die Debatten der letzten Jahre, die den Literaturkanon in Frage stellen, sind auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen. Sie haben mein Leserverhalten verändert. Und auch wenn ich gewiss nicht vorhatte einem Roman, der im Jahr 1947 vollendet wurde und 1949 erschien, daran zu messen, ist es mittlerweile nicht so leicht diesen kritischen Filter abzulegen. Außerdem war ich erst jüngst über ein Zitat von W.H. Auden gestolpert, der eine Ehe mit Thomas Manns Tochter Erika eingegangen war: „Who’s the most boring German writer?“, fragte er einmal in einem Brief und lieferte gleich selbst die Antwort. „My father-in-law.“

Der Beginn der zweiten Lektüre des Doktor Faustus unter diesen neuen Vorzeichen war dann tatsächlich zäh. Die Musik-Passagen zogen sich. Leverkühn erschien als Hauptfigur wie ein unnahbares Enigma. Zeitblom blieb der ungelenke, an seinem Können zweifelnde Biograph, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass dieser Roman Schwächen hat, die nicht der Erzählerfigur unterzuschieben sind. Besonders die Passagen, die das Kriegsdeutschland behandeln, wirken papieren. Man meint zu spüren, dass sie im fernen Südkalifornien entstanden sind. Aus der zeitlichen Distanz des 21. Jahrhunderts gilt es weiterhin ausgiebig zu diskutieren, ob es im Jahr 1947 vertretbar war, ein Deutschland zu beschwören, sei es auch mittels eines fiktionalen Erzählers, das von einer Art unerklärlich bösen Macht überkommen worden war. Die Darstellung der jüdischen Figuren ist problematisch, sogar Mann selbst sah da später die „Gefahr antisemitischer Wirkung“.

Ja, das waren wirklich keine kleinen Hürden, um mich wieder für das Buch so zu begeistern wie damals beim ersten Lesen. Doch dann stellte ich, zugegeben nicht ohne Staunen fest, auch heute würde ich meinem jüngeren Ich, das sich wünscht zu schreiben, den Doktor Faustus wieder an die Hand geben. Denn von einem unvollkommenen Roman mit problematischen Aspekten lernt man oft mehr, als von den sogenannten Meisterwerken, die nahezu perfekt sind, aber deshalb auch in gewisser Weise hermetisch. Man kann sie bewundern, aber sie schärfen nicht so gut den Blick fürs eigene Schreiben.

Nicht allein die Auseinandersetzung mit inhaltlichen Schwächen dient jedoch hier als Schule: Thomas Mann legt im Doktor Faustus so ganz nebenbei das Gerippe offen, aus dem Romane bestehen. Meist ist dieses Gerippe unter dem „Fleisch“ der Handlung verborgen: die Zitate, die Quellen, die Neuinterpretation von Motiven. Im Doktor Faustus lässt Thomas Mann seinen Erzähler aber sogar die eigene Aufteilung und die Länge von Kapiteln reflektieren. All diese Skelettteile, die der Schriftsteller hier in seinem Text bewusst ausstellt, sind beim Schreiben eines Romans dienliches Material und Werkzeug.

In solch handwerklichen Einsichten erschöpfte sich meine erneute Lektüre aber immer noch nicht. Denn mit jeder gelesenen Seite entdeckte ich eine Dimension des Romans, die mir bisher auch verborgen geblieben war. Ist es möglich, fragte ich mich, dass Thomas Mann im Doktor Faustus mit Siebenmeilenstiefeln in die Postmoderne hinein erzählt? Hinweise gibt es: Die nahezu grenzenlose Intertextualität des Romans, Zeitbloms Erzählerstimme durchwoben von metafiktionalen Elementen, die Auflösung des Geniebegriffs in der Geschichte, die Überführung des mythischen Fauststoffs in eine konkrete Psychose, die wiederum durch eine  Geschlechtskrankheit ausgelöst wurde, der urplötzliche stilistische Wechsel zum Dialog zwischen Leverkühn und dem Teufel – eine angebliche Niederschrift der Hauptfigur selbst, die der Erzähler über viele Seiten hinweg „zitiert“, die feine Ironie, von der Thomas Mann sagte, er habe sie eingesetzt zur „Durchheiterung des düsteren Stoffes“.

Kann es also sein, dass Thomas Mann zu einer Zeit, als er längst sich hätte auf seinen Lorbeeren ausruhen können, eine Form des Schreibens wagte, für die erst noch ein Epochenbegriff geschaffen werden musste? Ahnte er das, als er in seinem Essay Die Entstehung des Doktor Faustus davon sprach, mit siebzig sein bisher „wildestes“ Buch geschrieben zu haben?

Wildheit. Die assoziiert man nicht unbedingt mit Thomas Mann. Und deshalb ist es umso beachtlicher, dass er mit seinem vorletzten Werk nach Jahrzehnten des Schreibens immer noch den Willen hatte, etwas zu versuchen. Solch ein Sprung ins Ungewisse, der Mut zu experimentieren, das sich Abarbeiten an einem schwer zu fassenden Stoff - das ist der Geist, der dem Doktor Faustus innewohnt. Er ist der Grund, weshalb dieser Roman bei mir noch immer seinen Stellenwert behauptet. Das ist etwas, das man sich abschauen kann: sich stets neu selbst herauszufordern, um dann das wildeste Buch zu schreiben.

Über die Autorin

Katharina Adler studierte Amerikanische Literaturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und anschließend am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie war Suhrkamp-Stipendiatin und Zeit-Stipendiatin. Sie ist die Mitbegründerin der Adler & Söhne Literaturproduktion und Chefredakteurin des englischsprachigen Internetportals munichfound.com.