Wenn ein Schreibtisch eine Geschichte erzählt

Essay
homas Manns Arbeitszimmer in Kilchberg (Alte Landstrasse 39)

Beschreibung:
Schreibtisch.

Das Aquarium

Beim Betreten des Thomas-Mann-Archivs an der ETH Zürich fällt mir als Erstes nicht ein Schreibtisch ins Auge, sondern ein riesiges rotes „Aquarium“: eine Glasvitrine, vollgestopft mit Möbeln und Büchern.

Eine überdimensionale Museumsvitrine. Ein Aufbewahrungsort der Erinnerung. Der Schatz eines Schriftstellers. Ein Schrein.

Offiziell heißt es „Im Schreiben eingerichtet. Thomas Mann und sein Arbeitszimmer“. Diese Ausstellung, die Manns Schreibgewohnheiten, Accessoires, Amuletten und Ritualen gewidmet ist, erzählt die Geschichte, wie, wo und wann er schrieb – und was er tat, wenn er nicht schrieb.

Aber ich bleibe beim inoffiziellen Namen: das Aquarium.

Ausstellung: Im Schreiben eingerichtet. Thomas Mann und sein Arbeitszimmer

ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Frank Blaser / TMA_D-00991


Ausstellung: Im Schreiben eingerichtet. Thomas Mann und sein Arbeitszimmer

ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Frank Blaser / TMA_D-00990

Das Leben durch Glas

Um die Ausstellung überhaupt zu finden, muss ich mich erst einmal in einem der Universitätsgebäude verlaufen. Als ich zum zweiten Mal an derselben Gruppe von Studierenden vorbeikomme, entdecke ich am Ende eines Korridors ein kleines Schild. Zu meiner Überraschung gibt es weder Eintrittskarten noch Wachpersonal – dennoch ist alles, was ich gerne anfassen würde, hinter Glas versiegelt.

Es ist schwer vorstellbar, in diesem Raum wirklich schreiben zu können. Der Schreibtisch ist mit Gegenständen übersät. Direkt dahinter steht eine verblasste Couch. Ein Sessel und ein weiterer Tisch sind an die Couch herangeschoben. Und über all dem – fast wie eine Bedrohung für den hypothetischen Nutzer dieses Raums – hängt ein kleiner, schwebender Schreibtisch.

Ich spähe durch das Glas – denn mehr kann ich hier nicht tun – und bin erleichtert, dass mich niemand in dieser stickigen intellektuellen Cantina einsperrt und zum Schreiben zwingt. Aber als ich mir die Fotos von Manns verschiedenen Arbeits- und Schreibzimmern genauer ansehe, versichere ich mir selbst, dass auch er mehr Platz zum Schreiben brauchte.

Das Wesen eines Arbeitszimmers

Dies ist nicht nur das Arbeitszimmer eines Schriftstellers, das in einer Vitrine nachgebildet wurde, sondern dessen Wesen – ein Querschnitt, eine destillierte Version all seiner Arbeitsräume. Oder sogar das Fragment einer offenen, blutenden Schreibader. Dieser Eindruck wird in meinen Augen durch den rötlichen Farbton des Aquariumrahmens noch verstärkt.

Um das Aquarium herum wurde gerade genug Platz gelassen, um es zu umrunden. Die Buchrücken wurden so angeordnet, dass sie von innen nicht sichtbar sind, aber für diejenigen, die draußen vorbeigehen, deutlich zu sehen sind. Die Gegenstände auf dem Schreibtisch dienen nicht mehr dem Schriftsteller bei seiner Arbeit, sondern den neugierigen Besuchern.

„Dies sind die ersten Zeilen, die ich an meinem eigenen schönen Schreibtisch geschrieben habe, während ich auf dem dazugehörigen Stuhl saß“, notierte Thomas Mann im November 1933 in seinem Tagebuch. Der „schöne Schreibtisch“ war ein etwas pompöses, mit Ornamenten verziertes, aber robustes Holzmöbelstück mit tiefen Schubladen, das zwei Meter mal einen Meter maß. Jahrelang stand es in seinem Münchner Arbeitszimmer.

Der Schreibtisch im Exil

Derselbe Schreibtisch folgte dem Schriftsteller nach Zürich, als er nach einem kurzen Auslandsaufenthalt beschloss, nicht nach Nazideutschland zurückzukehren. Er blieb ihm während seines gesamten Exils erhalten. Er begleitete ihn von München nach Zürich, dann über den Atlantik nach Princeton und schließlich nach Kalifornien.

Der Schreibtisch, Manns größter Schatz, ist auch das Herzstück der Ausstellung – allerdings brauche ich einige Runden durch den Raum, um diese Erkenntnis aus dem Meer von Möbeln, Fotografien und Nippes herauszufischen.

Überfüllt mit Gegenständen und Schreibutensilien nimmt mich der Schreibtisch – wie ein Rettungsboot – mit auf eine Reise durch die Städte, in denen Mann lebte und arbeitete.

Inmitten wechselnder Heimatländer, Häuser, Kontinente und Sprachen blieb der Schreibtisch eine Konstante. Ein tragbares Zuhause. In diesem schweren Holzschreibtisch lebte der Schriftsteller Thomas Mann. Zusammen mit seinen Schreibgewohnheiten und Ritualen sicherte der Schreibtisch die Kontinuität seines kreativen Schaffens. Er war die Stütze seines Talents, unterstützt von erstaunlicher Disziplin.

Ein Leben voller Routine

Katia Mann widmet in ihren „Meine ungeschriebenen Memoiren.“ den Arbeitsgewohnheiten ihres Mannes viel Raum. Er schrieb langsam – nur vor Mittag, etwa von neun bis zwölf Uhr. „Wenn er an einem Tag zwei Seiten schrieb, war das mehr als üblich.“

Katia beschreibt es so: „Sein Tagesablauf war sehr diszipliniert, einfach und verlief immer nach dem gleichen Muster.“ Aufstehen gegen acht Uhr. Von neun bis zwölf: Schreiben. Dann ein Spaziergang, Mittagessen, eine Zigarre und ein Nickerchen. Nachmittags und abends las er Zeitung, recherchierte und schrieb Briefe (von Hand oder diktiert). Manchmal geselliges Beisammensein beim Abendessen oder Theaterbesuch; manchmal Vorlesen neuer Passagen für Familie oder Gäste. Oft Musik hören.

Diese Morgenroutine galt auch an Samstagen und Sonntagen, Feiertagen, Reisen und im Urlaub. Er schrieb wenig und langsam, aber mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit.

Geheimnisse in den Schubladen

Abends widmete sich Thomas Mann einer weiteren Tätigkeit: Er vervollständigte die Seiten seiner geheimen Tagebücher. Er führte sie sein ganzes Leben lang und bewahrte sie unter Verschluss in seinem Schreibtisch auf. Obwohl sie nach seinen eigenen Worten keinen literarischen Wert hatten, lieferten sie ihm manchmal Material für seine Romane. Die Lektüre und schließlich die Veröffentlichung der Tagebücher – gemäß seiner Anweisung erst zwanzig Jahre nach seinem Tod – sorgte bei Forschern und Lesern gleichermaßen für Aufsehen. Sie wurden zu einer reichhaltigen Quelle für Biografien, die Verbindungen zwischen Leben und Literatur nachzeichneten.

Hermann Kurzke, Autor von „Thomas Mann: Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie“, spürt homoerotischen Themen in den Werken des Schriftstellers seit seinen frühesten Erzählungen („Tonio Kröger“, „Der Tod in Venedig“) nach. Er beschreibt „Der Zauberberg“ als „eine gewaltige Entgrenzungsphantasie“ und fügt hinzu: „In innersten Kern schwären die Wunden der nicht ausgelebten Homosexualität.“

Wie Kurzke es ausdrückt:

Als Mensch war Thomas Mann versiegelt und ließ niemanden in sein Herz blicken. Mit virtuoser Disziplin hielt er eine Fassade aufrecht, ohne die zu leben er unerträglich gefunden hätte. Nur im Werk war er frei, nur hier teilte er sich mit, auch seine Geheimnisse, geschützt durch die indiskrete Diskretion der Kunst. Die Biographie seines Herzens steht verzaubert in seinen Dichtungen.

Alltägliche Buchführung

In den erhaltenen Tagebüchern – die von seinem Sohn Golo für die Veröffentlichung vorbereitet wurden – tauchen homoerotische Wünsche und Versuchungen nur gelegentlich auf. Stattdessen dominiert die Alltäglichkeit des täglichen Lebens, eine fortlaufende, akribische Buchführung über die Existenz.

Hermann Kesten bemerkt im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Thomas Manns Tagebüchern:

For in these notebooks he recorded everything; not so much his larger ideas as his smallest impulses, the most trivial details of his everyday life. He noted each headache, each stomachache, each medicine he took, each comfort and discomfort (...) what he ate and drank; his digestion; when he had a haircut.

Kesten schließt seine Einleitung mit einer ehrfürchtigen Bemerkung:

I am convinced that Thomas Mann’s diaries present the life of a genius with extraordinary immediacy, in spite of—even because of—their pedantic quality. It almost seems as though he were photographing his life, as though he were sketching a colossal portrait of the living Thomas Mann. So for this work of Thomas Mann’s, the exclamation again applies: ECCE HOMO.

Die Alltäglichkeit des Schreibens

Ein wiederkehrendes Motiv in diesen nächtlichen Berichten ist die Qualität von Manns Schlaf – zusammen mit der genauen Dosierung der eingenommenen Schlafmittel. Sein Schlaf wiederum bestimmte die Uhrzeit des Aufstehens und den Ton der morgendlichen Schreibsitzung:

Mit einer halben Phanodorm-Tablette wunderbar geschlafen. Eine Seite geschrieben.

Um acht Uhr aufgestanden. Energisch gearbeitet.

Die Zufriedenheit mit seinen Fortschritten wurde oft von Zweifeln und Entmutigung unterbrochen:

Wie üblich in diesen Tagen habe ich nur wenig Arbeit geschafft.

Vergebliche Bemühungen, wieder zum kreativen Schreiben zurückzufinden. Es fehlt mir an der nötigen Gelassenheit und Energie. „Was soll dieser Unsinn?“

Katia: Die stille Stütze

Thomas Manns Frau Katia – in den Tagebüchern einfach als „K.“ bezeichnet – taucht in fast jedem Eintrag auf. Trotz ihrer getrennten Schlafzimmer und des geheimnisvollen Innenlebens ihres Mannes berichten die Tagebücher von gemeinsam verbrachten Nächten und gelegentlichen Streitigkeiten.

Katia war der stille Anker des Haushalts. Sie kümmerte sich um die Familie und den Tagesablauf von Thomas Mann. Sie war Hausherrin, Sekretärin, Schreibkraft, Fahrerin, Ratgeberin, Spazierpartnerin und Betreuerin.

Hermann Kurzke fasst die Komplexität ihrer Ehe wie folgt zusammen:

Die Voraussetzungen waren also nicht einfach, nicht die günstigsten. Daß dem Entschluß zur Ehe schließlich die Neigung folgte, ist fast ein kleines Wunder. Problematisch blieb sie immer, aber unglücklich war die Ehe nicht.

Ihre dauerhafte Verbundenheit wird vielleicht am besten von ihrer Tochter Erika Mann beschrieben, die sich in „Das letzte Jahr von Thomas Mann. Eine aufschlussreiche Erinnerung seiner Tochter“ an ihre täglichen Spaziergänge erinnert.

Ich hörte sie immer gehen und kommen, immer fröhlich miteinander plaudernd, wie zwei alte Freunde, die sich nach langer Zeit wieder sehen und sich viel zu erzählen haben. Aber sie waren immer so. In den über fünfzig Jahren ihres gemeinsamen Lebens langweilten sie sich nie miteinander.

Stillleben eines Schriftstellers

Thomas Manns Tagebücher – diese akribischen Aufzeichnungen seines Alltags – erwähnen auch seinen „schönen Schreibtisch“, an dem er jeden Morgen drei Stunden lang pedantisch und systematisch arbeitete.

Heute ruhen dieselben Gegenstände, eingefroren in der Zeit, hinter Glas im Aquarium. Einige sind rein praktischer Natur: Stifte, Füllfederhalter, Tintenfässer, Notizbücher, Kalender, eine Lupe, eine Schere und ein Papiermesser aus Elfenbein. Andere wirken wie Reiseandenken: eine Bronzefigur, die an thailändische Buddhas erinnert, ein kleiner ägyptischer Diener[CW1] und verschiedene andere Büsten.

Es gibt Familienfotos – von seiner Frau und seinen Kindern – und als Gegengewicht Manns Lieblingsgemälde: Die Quelle von Ludwig von Hofmann, das drei junge, nackte Jungen zeigt. Dazwischen liegen persönliche Artefakte: Kieselsteine, Schalen, Flaschen, Tassen, Porzellandosen, Holzschatullen und Kerzenständer mit heruntergebrannten Kerzen.

Was bleibt

Bei meinem nächsten Rundgang durch das Aquarium weiß ich nicht mehr, wohin ich meinen Blick richten soll. Schmuckstücke, Amulette und Souvenirs füllen noch immer den Schreibtisch.

In der Nähe stehen andere Möbelstücke – aus den vielen Büros, die der Schriftsteller auf seinen Reisen über Kontinente hinweg mitgenommen hat – dicht beieinander, wie eine destillierte Essenz von Thomas Manns Leben und Kunst.

Inmitten des Trubels der Gegenstände – Bücher, Einrichtungsgegenstände und die Geschichten, die sie erzählen – stehe ich allein da, belastet von meinen eigenen verworrenen Exzessen, die ebenso unüberschaubar sind.

Über die Autorin

Anna Piwowarska ist freie Journalistin, Texterin, Reiseschriftstellerin und Buchliebhaberin. Derzeit lebt sie in Lugano, Schweiz.