Vom Zauberberg ins Flachland: Höhepunkte und Talsohlen der Film- und Fernsehadaptionen von Thomas Mann

Essay

Wer Thomas Mann verfilmt, steht vor einem eigentümlichen Problem: Seine Stoffe laden geradezu zur Verfilmung ein – Familienepen, Künstlerdramen, erotische Obsessionen, historische Tableaus. Und doch scheitern die meisten Adaptionen an dem, was Mann erst zu Mann macht: der Erzählerstimme.

Diese Stimme kommentiert, ironisiert, hält Distanz, wo der Film Nähe sucht. Sie breitet Gedanken aus, wo die Kamera Handlung braucht. Sie dehnt die Zeit, wo der Schnitt sie rafft. Manns Prosa ist nicht Stoff, der bebildert werden will, sondern Haltung, die übersetzt werden muss. Die besten Verfilmungen haben das begriffen. Sie versuchen nicht, den Text abzufilmen, sondern suchen nach filmischen Äquivalenten für das, was Mann mit Sprache tut – für die Ironie, die Zeitdehnung, das Unausgesprochene.

Die schlechteren Adaptionen hingegen verwechseln Werktreue mit Bebilderung. Sie statten aus, was ausgestattet werden kann, besetzen prominent, was prominent besetzt werden kann, und hoffen, dass Opulenz die fehlende Stimme ersetzt. Das Ergebnis ist oft gediegen, respektabel, sehenswert – und seltsam leer.

In hundert Jahren Filmgeschichte haben sich Regisseure immer wieder an Mann versucht. Das Ergebnis? Ein unbestrittenes Meisterwerk, einige geglückte Übersetzungen, viel opulentes Mittelmaß und manche echten Fehltritte. Hier ist unser Ranking – von der schwächsten bis zur stärksten Film- und Fernsehadaption.

18. „Wälsungenblut“ (1965)

Rolf Thiele macht aus Manns Novelle über ein assimiliertes jüdisches Geschwisterpaar ein schwüles Melodram, das vor allem auf Dekadenz und Erotik setzt. Die heikle Schlusspointe der Vorlage – der Inzest als trotzige Selbstbehauptung gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft – wird entschärft; übrig bleibt ästhetisierte Transgression ohne gesellschaftskritischen Stachel.

Fazit: Ein filmisches Zeugnis deutscher Verdrängungskunst der Sechzigerjahre.

17. „Tonio Kröger“ (1964)

Rolf Thiele verpasst Manns Künstlernovelle einen kunstgewerblichen Anstrich. Jean-Claude Brialy gibt den zwischen Bürgersehnsucht und Außenseitertum zerrissenen Tonio distinguiert, aber ohne innere Glut. Die Inszenierung bebildert die Stationen der Vorlage gewissenhaft – die Kindheit in Lübeck, die Münchner Bohème, die Rückkehr in den Norden –, ohne je unter die Oberfläche zu dringen.

Fazit: Atmosphärisch, aber ohne emotionale Wucht.

16. „Königliche Hoheit“ (1953)

Harald Braun verwandelt Manns heiteren Roman über einen Prinzen und eine amerikanische Millionärstochter in eine gefällige Wirtschaftswunder-Romanze. Dieter Borsche und Ruth Leuwerik geben das Paar mit gediegenem Charme; die Ironie der Vorlage – Mann erzählt auch von der Einsamkeit repräsentativer Existenz – weicht restaurativer Gemütlichkeit.

Fazit: Leichtfüßige Unterhaltung, die vom Roman vor allem das Märchenhafte bewahrt.

15. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (2021)

Detlev Buck inszeniert Manns Hochstapler-Fragment als üppig ausgestattete dreiteilige Fernsehserie. Jannis Niewöhner gibt den jungen Krull mit lässigem Charme, und Buck erlaubt sich Freiheiten – etwa eine explizitere Erotik und einen ironischen Blick auf heutige Influencer-Kultur. Doch wo Manns Erzähler die eigene Verlogenheit mit artistischem Pathos zelebriert, bleibt die Serie gefällig und glatt.

Fazit: Unterhaltsam anzusehen, aber die Abgründe des Hochstaplers bleiben ausgespart.

14. „Lotte in Weimar“ (1975)

Egon Günther inszeniert Manns Goethe-Roman als DDR-Prestigefilm mit internationaler Besetzung. Lilli Palmer gibt die gealterte Charlotte Kestner, die nach Jahrzehnten den Mann aufsucht, der sie einst zur literarischen Figur machte; Martin Hellberg ist ein würdevoller, aber seltsam lebloser Goethe. Der Film schwankt zwischen touristischem Weimar-Werbestreifen und psychologischem Kammerspiel – gerade das Monströse des Genies, das Menschen zu Material verarbeitet, bleibt unterbelichtet.

Fazit: Respektabel besetzt, aber der Vorlage nicht gewachsen.

13. „Doktor Faustus“ (1982)

Franz Seitz wagt sich an Manns monumentalen Deutschlandroman, in dem ein Komponist seine Seele dem Teufel verschreibt und sein Untergang zum Spiegel der nationalen Katastrophe wird. Jon Finch gibt Adrian Leverkühn als blassen Schmerzensmann; die Inszenierung kämpft sichtbar mit der philosophischen Dichte der Vorlage. Statt Manns subtiler Parallelführung von Künstlerbiographie und Zeitgeschichte greifen einmontierte Weltkriegsszenen zum Holzhammer.

Fazit: Ein ehrgeiziges Scheitern an einem vielleicht unverfilmbaren Stoff.

12. „Mario und der Zauberer“ (1993)

Klaus Maria Brandauer brilliert als Cipolla, der dämonische Hypnotiseur, der in Manns Novelle sein Publikum unterwirft und demütigt – eine Parabel auf die Verführbarkeit der Massen im Faschismus. Regisseur Klaus Schreiber findet für die schwüle Atmosphäre des italienischen Badeorts stimmige Bilder, doch sobald es um die politische Dimension geht, wird die Inszenierung plakativ. Die Angst des bürgerlichen Beobachters, die bei Mann unterschwellig mitläuft, kommt kaum vor.

Fazit: Brandauer rettet einen zwiespältigen Film.

11. „Buddenbrooks“ (2008)

Heinrich Breloer verfilmt Manns Familienepos als opulentes Kinoevent mit Armin Mueller-Stahl, Iris Berben und Jessica Schwarz. Die Ausstattung ist prächtig, das Tempo hoch – doch gerade diese Rastlosigkeit kostet den Film, was den Roman ausmacht: das langsame Versickern der Lebenskraft über Generationen, den schleichenden Verfall hinter der gewienerten Fassade. Stattdessen reiht sich Szene an Szene, unterbrochen von bedeutungsschwerer Musik.

Fazit: Großes Ausstattungskino, das die Melancholie der Vorlage in Pathos ertränkt.

10. Buddenbrooks (1959)

Alfred Weidenmann verfilmt Manns Roman als zweiteiliges Kinoereignis mit Liselotte Pulver, Nadja Tiller und Hansjörg Felmy. Die Ausstattung ist gediegen, der Ton gefällig – und genau das ist das Problem: Wo Mann den bürgerlichen Verfall mit ironischer Distanz seziert, setzt Weidenmann auf sentimentale Anteilnahme. Die Buddenbrooks werden zu bedauernswerten Opfern des Schicksals statt zu Komplizen ihrer eigenen Erstarrung.

Fazit: Wirtschaftswunderkino, das den Roman zum Rührstück glättet.

9. „Unordnung und frühes Leid“ (1976)

Franz Seitz inszeniert Manns privateste Novelle als detailverliebtes Zeitporträt. Martin Held gibt den alternden Geschichtsprofessor, der bei einer Party im eigenen Haus zusehen muss, wie seine kleine Tochter sich verliebt – und daran die eigene Überholtheit erfährt. Seitz trifft die Atmosphäre der Weimarer Republik mit Sorgfalt, doch die Sorgfalt selbst wird zum Problem: Der Film beobachtet seinen Stoff so respektvoll, dass kaum Nähe entsteht.

Fazit: Liebevolle Denkmalpflege, die das Intime der Vorlage auf Distanz hält.

8. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1982)

Bernhard Sinkel nutzt das Serienformat für eine ausführliche Wanderung durch Manns Schelmenwelt. John Moulder-Brown gibt den jungen Krull mit britischem Understatement, die Ausstattung ist üppig, die Erzählung nimmt sich Zeit. Doch gerade die Ausführlichkeit entlarvt, was fehlt: Manns artistischer Erzählton, der die Hochstapelei selbst zur Kunstform adelt. Sinkel erzählt die Abenteuer brav chronologisch, wo der Roman sie genüsslich stilisiert.

Fazit: Fünf Teile Prunk, die das Entscheidende aussparen – den artistischen Witz.

7. „Der Zauberberg“ (1982)

Hans W. Geißendörfer wagt sich an Manns großen Ideenroman, in dem ein junger Hamburger sieben Jahre im Schweizer Lungensanatorium verbringt und zwischen rivalisierenden Weltanschauungen seinen Weg sucht. Michael Ballhaus' Kamera findet eindrucksvolle Bilder für die Abgeschiedenheit des Hochgebirges, doch was im Roman gelingt – Ideendebatten in Erzählung zu verwandeln –, wirkt hier wie bebildertes Oberseminar. Christoph Eichhorn bleibt als Hans Castorp blass; die Figuren um ihn herum geraten zu Thesenträgern.

Fazit: Der Film beweist, wie schwer sich kinematographische Zeit gegen erzählte Zeit behaupten kann.

6. Buddenbrooks (1979)

Franz Peter Wirth nimmt sich in seiner elfteiligen TV-Serie die Zeit, die der Roman braucht. Karl-Heinz Böhm, Martin Benrath und Günter Strack führen die Familie durch vier Generationen, von der Selbstgewissheit des Patriarchen bis zum frühen Tod des musikalischen Hanno. Die Ausführlichkeit, die den Kinoversionen fehlt, wird hier zum Vorzug: Die Serie bildet nicht ab, sie lässt die langsame Ermüdung einer Familie miterleben. Das Tempo mag behäbig wirken, doch es entspricht dem Rhythmus der Vorlage.

Fazit: Die einzige Buddenbrooks-Adaption, die dem Umfang des Romans gerecht wird.

5. Buddenbrooks (1923)

Gerhard Lamprecht verfilmt den Roman noch zu Lebzeiten Thomas Manns. Sein zweiteiliger Stummfilm muss erzählen, was der Roman ironisch kommentiert, und findet dafür eine eigene Sprache: Peter Esser, Mady Christians, Alfred Abel, Hildegard Imhoff und Mathilde Sussin spielen mit expressiver Gestik, die Kamera verweilt auf Interieurs und Gesichtern, wo Mann Sätze baut. Das Ergebnis ist weniger Interpretation als Übersetzung – eine Überführung des Romans in die Bildgrammatik des frühen Kinos.

Fazit: Ein beeindruckendes Dokument, das zeigt, wie früh und wie ernsthaft das Kino sich Manns Stoff annahm.

4. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957)

Kurt Hoffmann begreift Manns Hochstaplerroman als das, was er auch ist: eine Komödie. Horst Buchholz spielt den jungen Felix mit einer Mischung aus Naivität und Raffinesse, die den Tonfall der Vorlage trifft – hier ist einer, der mit so viel Freude lügt, dass man ihm nicht böse sein kann. Der Film verzichtet auf Vollständigkeit und konzentriert sich auf die frühen Abenteuer, von der Musterung bis zum Pariser Hotel; was er erzählt, erzählt er mit Tempo und Leichtigkeit.

Fazit: Die einzige Krull-Verfilmung, die Manns Ironie nicht in Ausstattung erstickt.

3. Heiligendamm (2009)

Michael Blume adaptiert Manns frühe Erzählung „Der Kleiderschrank" – in der einem jungen Reisenden nachts eine geisterhafte Frau erscheint – als rätselhaften Kurzfilm mit Hanna Schygulla. Blume verlegt die Handlung ins Ostseebad Heiligendamm und lässt historische Schichten durchscheinen: Die Schygulla wird zur Wiedergängerin, deren Erscheinung auf die Shoah und die verdrängte Geschichte des Ortes verweist. Der Film bricht bewusst mit narrativer Konvention und setzt auf traumartige Verdichtung. Das Ergebnis ist sperrig, aber gerade darin konsequent – eine Fortschreibung von Manns Frühwerk mit den Mitteln des Kunstkinos.

Fazit: Ein Experiment, das wagt, was die großen Produktionen scheuen: den rätselhaften Mann ernst zu nehmen.

2. „Der kleine Herr Friedemann“ (1990)

Peter Vogel inszeniert Manns frühe Novelle als DDR-Fernsehfilm von stiller Intensität. Ulrich Mühe – im selben Jahr durch die Wende einem größeren Publikum bekannt – gibt den buckligen Johannes Friedemann, der sein Leben lang auf Liebe verzichtet hat und diese fragile Ordnung zerstört sieht, als er sich in die unnahbare Gerda von Rinnlingen (Maria von Bismarck) verliebt. Vogel vertraut auf Andeutung statt Aussprache: Die Kamera beobachtet Friedemanns Gesicht, wie er Gerda beobachtet, und lässt das Unausgesprochene wirken. Gerade diese Zurückhaltung entspricht Manns Erzählton – einem Ton, an dem größere Produktionen so oft scheitern.

Fazit: Der Beweis, dass Mann-Verfilmungen gelingen, wenn sie die Stille aushalten.

1. „Tod in Venedig“ (1971)

Luchino Visconti gelingt, woran andere scheitern: Er übersetzt Manns Novelle, ohne sie zu bebildern. Dirk Bogarde gibt den alternden Gustav von Aschenbach – bei Visconti kein Schriftsteller, sondern ein an Mahler angelehnter Komponist – als Mann, dessen lebenslange Disziplin unter dem Blick auf den schönen Tadzio zerbröckelt. Visconti zeigt diesen Verfall fast wortlos, in Blicken, Gesten, Augenblicken am Strand. Das Adagietto aus Mahlers Fünfter trägt die Szenen und gibt dem Film seinen Rhythmus – schmerzlich gedehnte Zeit, wie Mann sie in Prosa erzeugt. Venedig erscheint als Stadt zwischen Schönheit und Cholera, Hochkultur und Verwesung.

Fazit: Ein Film, der die Vorlage nicht abbildet, sondern fortsetzt – mit eigenen Mitteln und auf Augenhöhe.

Hundert Jahre, achtzehn Filme, ein Meisterwerk. Die Bilanz könnte ernüchtern – oder ermutigen. Denn sie zeigt auch: Es ist möglich. Mann lässt sich verfilmen, wenn man bereit ist, seine Mittel zu finden statt seine Sätze zu kopieren. Vielleicht wartet die nächste große Adaption noch. Vielleicht braucht es Regisseure, die den Mut haben, weniger zu zeigen, um mehr zu erzählen. Die Stoffe jedenfalls sind nicht erschöpft. Und die Erzählerstimme, die so viele Filme vermissen lassen, hallt in den Büchern weiter – für alle, die hören wollen.