KONSERVATIVE UND LIBERALE IRONIE

Essay

Mit einer Sache müssen Deutsch schreibende Schriftstellerinnen und Schriftsteller von Seiten der Kritik immer rechnen, wenn sie sich trauen längere Sätze als Judith Hermann zu schreiben: Mit dem Thomas-Mann-Vergleich. Für wie schmeichelhaft einem dieser erscheint, sind idiosynkratische Vorlieben entscheidend, für deren Ausformung nicht nur literarisch-ästhetische Kriterien, sondern auch politische Neigungen und das Goutieren oder Eben nicht-Goutieren eines bestimmten Habitus verantwortlich sind. Und nicht immer ist der Vergleich wohlmeinend, gelegentlich geht er mit dem Vorwurf des Epigonalen einher.

Mich persönlich hat der Thomas-Mann-Vergleich, ich muss es zugeben, etwas unvorbereitet getroffen, war Mann doch für mich zu jener Zeit — der Vergleich traf mich bereits nach dem Erscheinen meines ersten Buches, der Novelle Frühling der Barbaren —, nur sehr vage eine Referenz, ganz sicher aber nicht stilprägend. Ich hatte nur wenig von ihm gelesen, verband ihn mit Erinnerungen an Schullektüre, aber selbst diese waren nur spärlich, bin ich doch in der Schweiz aufgewachsen, wo, so scheint mir, Thomas Mann, zumindest im Schulsystem, nie so recht angekommen ist. Jedenfalls hatten die Schweizer zu keiner Zeit den Versuch unternommen, ihn, obwohl er doch einige Jahre in ihrem Land, das er zu lieben versicherte, verbracht hatte und ebenda, auf eigenen ausdrücklichen Wunsch, beerdigt wurde, als Schweizer Autor zu vereinnahmen. Vielleicht dröhnte meinen Landsleuten sein: »Wo ich bin, ist Deutschland« etwas zu gewaltig in den Ohren. Stattdessen also mehr Gottfried Keller und Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt für mich. Und dann also der Thomas-Mann-Vergleich.

Vermutlich, weil ich fürchtete auf der anstehenden Lesereise darauf angesprochen zu werden — was dann auch tatsächlich des Öfteren geschah — und mir keine Blöße geben wollte, also eigentlich aus Eitelkeit, nahm ich den Vergleich zum Anlass, endlich mehr Mann zu lesen. Ausgerechnet in Kalifornien, wo ich mich zu jener Zeit gerade zu einem Studienaufenthalt befand und mein zweites Buch, den Roman Kraft, zu schreiben begann, dessen Handlung sich zu einem wesentlichen Teil eben dort zuträgt und in dem sich die Thomas-Mann-Lektüre bereits im ersten Abschnitt niederschlägt

»Warte nur, denkt sich Kraft am siebten Tag, an dem er, tatenlos unter solcher Beobachtung stehend, sich wieder einmal durch diese Aufmerksamkeit verlangenden Augen aus seinen leeren Gedanken gerissen sieht, dir zum Trotz werde ich nach einem europäischen Ton suchen. Dies ist es, was ich zu tun gedenke. Einen europäischen Ton, in dem sich Leibniz’ Optimismus und Kants Strenge mit Voltaires verächtlichem Schnauben und Rabelais’ unbändigem Lachen verbinden und sich in Hölderlin’schen Höhen mit Zolas Gespür für das menschliche Leiden vereinigen wird und Manns Ironie… nein, Mann würde er außen vor lassen, diesen halben Kalifornier.«1

Dieser Absatz ist natürlich nicht deswegen ein sozusagen epigonaler Mann’scher Text, weil darin der Zauberer höchstselbst Erwähnung findet, und eben auch nicht, weil ich mich darin, und übrigens auch im Rest des Buches, bis auf das letzte Kapitel, in dem Kraft, zusammen mit mir, seinen europäischen Ton sowie alles andere verliert, eines parataktischen Stils bediene, sondern, weil ich darin eine ganze Reihe ironischer Volten schlage. Angefangen bei der Zusammenführung der Begriffe Kraft, siebter Tag und tatenlos, über den Umstand, dass sich Kraft von Donald Rumsfeld — von dessen Porträt er sich beobachtet fühlt — und seiner Rede von Old Europe zu einer grotesk eklektischen Aufzählung europäischer Geistesgrößen provozieren lässt, bis hin zu seiner Ablehnung Thomas Manns, des selbstpersonifizierten Deutschen Geistes, den er als »halber Kalifornier« verunglimpft, nur weil er selbst gerade am kalifornischen Wesen zu scheitern droht und ich mich zugleich  damit, als Autor, in einer sozusagen letzten Drehung, dem Vorwurf des Epigonenhaften entziehe, indem ich ihn auf diesem Weg ironisiere und mich damit von ihm distanziere.

Viel mehr als die langen Sätze verbindet mich mit Mann also das Stilmittel der Ironie. Wobei ich irgendwann, als ich selber eine Antwort darauf suchte, weshalb es mich so zur Parataxe, zum Schachtelsatz, drängte, begreifen musste, dass das Eine, die Ironie, zum Anderen, den langen Sätzen, führt.

»Ach, ich schreibe schlecht! Die Begierde, alles auf einmal zu sagen«, so lässt Mann seinen Serenus Zeitblom klagen, lasse alle seine Sätze überfluten, treibe sie ab von dem Gedanken zu dessen Notierung sie ansetzten, und bewirke, dass sie ihn weitschweifend aus den Augen zu verlieren scheinen.2 Ausgerechnet den fiktiven Chronisten seiner Erzählung lässt er an seinem, des Autors, eigenem Stil zweifeln. Das ist natürlich ironisch. Weil es distanziertes und maskiertes Sprechen ist. Und es zeigt sehr deutlich, wie die Ironie eben auch der Selbstimprägnierung dienen kann. Und schon hat mich die Begierde alles auf einmal zu sagen weggetragen, denn eigentlich wollte ich ja erklären, weshalb eben jene Begierde, die ihren ästhetischen Ausdruck in der rhetorischen Periode findet, Ergebnis einer ironischen Lebenshaltung ist.3

Der ironische Mensch ist ein Fuchs und kein Igel. Denn der Fuchs weiß viele Dinge, wie uns Archilochos lehrt, aber der Igel weiß eine große Sache. Ironikerinnen und Ironiker sind sich der Kontingenz von Sein und Sprache bewusst. Sie interessieren sich dafür in welchem Verhältnis die Dinge zu ihrer Zeit stehen und welchen Veränderungen sie ausgesetzt sind. Überhaupt ist ihnen der Gang der Zeit immerzu vor Augen. Denn außerhalb von Geschichte und Raum, da ist für sie nichts - nicht die eine große Sache, die der Igel zu glauben weiß. Sie wissen, dass sich die Dinge so oder so erzählen lassen. An Systeme glauben sie nicht; an abgeschlossene schon gar nicht. Dem Zufall verhelfen sie zu seinem Recht, dem Einzelfall messen sie Realität zu. Die Vielfalt der Perspektiven, Wahrnehmungen und Erfahrungen ist überwältigend und nicht zu bestreiten — kein Wunder, wächst da die Begierde alles auf einmal zu sagen. Die exzessive Satzperiode ist literarischer Ausdruck epistemologischer Erfahrungen, ontologischer Überzeugungen und Abbild einer Handlungstheorie. Und für einen wie Mann, der seine ersten schriftstellerischen Gehversuche, die bald in der literarischen Weitwanderung der Buddenbrooks münden, im ausgehenden 19. Jahrhundert tut, ist die Ironie damit auch Resonanz auf die wissensgeschichtliche Gegenwart, also Reaktion auf die Moderne.4 Eigentümlich mutet dann seine Rede vom »Konservatismus als erotische Ironie des Geistes« an.5 Aber so ist das eben mit dem Ironiker. Er kann den Geist seiner Zeit affirmieren und ihm gleichzeitig mit Skepsis begegnen. Bei Odo Marquard, einem anderen großen, deutschen, konservativen Ironiker, trägt deswegen die Beweislast der Veränderer. Grundsätzlich vorsichtig skeptisch ist er gegenüber dem Neuen und dem Neuerer obliegt es zu beweisen, dass das Neue besser sein wird als das Alte.6

Ironie ist also, wir sehen es, politisch. Aber ist sie, über den Umweg der als Beifang mitgelieferten Skepsis, notwendig konservativ? Dem will ich mit Leidenschaft widersprechen und zwar, indem ich eine entschieden andere ironische Denkgemeinschaft in Stellung bringe, die ich mit Richard Rorty als liberale Ironikerinnen bezeichne. Die liberale Ironikerin — Rorty verwendet das generische Femininum, um sich von anderen Ironiekonzepten abzugrenzen — ist Ironikerin, weil sie ihr Vokabular für nicht abgeschlossen betrachtet, ihm stets misstraut, weil sie sich der Kontingenz der Sprache bewusst ist und von ihr bereits einmal enttäuscht wurde und sich zu einer Revision ihres Vokabulars veranlasst sah.7 Soweit wissen auch die konservativen Ironiker, wovon die Rede ist. So fühlte sich Marquard, der in seiner Jugendzeit in einer NS-Ausleseschule indoktriniert wurde, von der dort erlernten Sprache nach Kriegsende getäuscht. In dieser Täuschung verortet er den Ursprung seiner Skepsis und daraus erwächst sein Konservatismus. Und wir können annehmen, dass sich Thomas Mann, irgendwann in den zwanziger Jahren, von seinem eigenen Vokabular der Betrachtungen eines Unpolitischen getäuscht und enttäuscht gefühlt haben muss.

Liberal ist die liberale Ironikerin, weil sie Grausamkeit und Demütigung für das Schlimmste hält, was Menschen einander antun können. Und weil das Bestehende für manche Menschen grausam und demütigend ist, liegt die Beweislast nicht beim Veränderer. Der Bewahrer muss beweisen, dass das Bestehende gut genug ist; nicht dass es das denkbar Beste ist, denn das Beste ist ja bekanntlich der Feind des Guten, aber das es, das Bestehende, zumindest nicht grausam ist.8

Vielleicht wird man zur liberalen Ironikerin, weil einen zuerst die Ironie ereilt und man sich damit auch die Skepsis als Symptom einfängt, und umgekehrt wird man zum konservativen Ironiker, weil einen die Skepsis packt und man darauf mit Ironie reagiert.

Es scheint mir jedenfalls, als sei die liberale Ironie die konsequentere ironische Lebensform, denn die Frage nach der Grausamkeit schafft in ihrer unbedingten Ernsthaftigkeit eine stets irritierende Distanz zur eigenen Ironie, während der konservative Ironiker in Gefahr läuft, diese als Imprägnierung gegen die Zumutungen der Gegenwart zu missbrauchen, und sie damit zum Habitus verkommen lässt.

Habituelle Ironie ist Ironie, die in der Aneignung die Distanz zum eigenen Selbst verliert.

Vermutlich ist es heute nur noch genau das, was mich, wenn mich der Vergleich wieder einmal trifft, leicht zusammenzucken lässt: Die offensichtliche Diskrepanz zwischen Manns ironischem Schreiben und seinem ausgestellten, inszenierten Selbstbild, einem zur Schau gestellten bürgerlichen Habitus, kombiniert mit dem Gestus des Grossliteraten; ein Auftritt der so ganz und gar unironisch daherkommt und in mir einen Widerwillen hervorruft, der, so fürchte ich, meinen Blick auf Thomas Mann trübt – zumindest auf den Thomas Mann, wie er sich spätestens mit seinem Appell an die Vernunft, im Jahre 1930 als politischer Denker zeigte. Diesem Mann wird doch das Verhindern von Grausamkeit wichtiger gewesen sein, als die Wahl des passenden Einstecktuches. Vielleicht sollte ich mich beim nächsten Vergleich mit Thomas Mann, meinem fellow ironist und vertrautem alles-auf-einmal-sagen-Woller, einfach geschmeichelt fühlen, zumindest wenn der Vergleich den so gemeint war.

1 Lüscher, Jonas. Kraft, München 2017
2 GW VI, 468
3 Vgl. Karthaus, Ulrich. Zu Thomas Manns Ironie: Für Odo Marquard zum 26. II. 1988. Thomas Mann Jahrbuch, 1, Frankfurt a.M. 1988, S. 89.
4 Vgl. Ewen, Jens. Erzählter Pluralismus: Thomas Manns Ironie als Sprache der Moderne. Thomas-Mann-Studien, Band 54, Frankfurt a.M. 2017, S. 12
5 GW VII, 569
6 Marquard, Odo. Ende des Schicksals, in: Ders., Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart 2005, S. 77
7 Rorty, Richard. Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt a.M. 1992
8 Ein gebranntes Kind wie Odo Marquard würde vermutlich entgegen, das Neue sei nur allzu  oft viel schlechter als das Bestehende, und zum Beweis alle totalitären Ideen vom  neuen Menschen ins Feld führen. Eine solche Erzählung verkennt aber, dass die Fortschrittsgeschichte der Menschheit mit einer Abnahme der Grausamkeit einhergeht. Rückschritte sind natürlich immer zu befürchten, da wären sich Marquard und ich vermutlich einig.

Über den autor

Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Er wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis dem Prix Franz Hessel, dem Max Frisch-Preis der Stadt Zürich und dem Marieluise-Fleißer-Preis ausgezeichnet. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.