Thomas Manns Büchersammlung, im Lauf seines Lebens angewachsen und von den biographischen Schritten seines Gangs ins Exil deutlich geprägt, steht heute zu großen Teilen im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich. Mit ihr durfte ich mich von 2016 bis 2019 im Rahmen eines Forschungsprojekts vertraut machen, dessen Ziel die vollständige Erfassung der darin enthaltenen Lesespuren war. Entstanden ist dabei die Thomas Mann Nachlassbibliothek Online, worin man Manns Marginalien digital suchen und finden kann.
Dem Bestand, der heute in der Distanz des Bildschirms säuberlich entmaterialisiert daherkommt, näherten mein damaliger Kollege Manuel Bamert und ich uns zu Beginn unserer Erschließungsarbeit physisch, haptisch. Eine mitunter auch staubige Angelegenheit war es, auf Spurensuche von Hand Seite für Seite jedes Buch zu durchblättern, insgesamt ungefähr 1,2 Millionen Seiten. – Viele buchhistorisch spannende Phänomene sind darin zu finden: Überbleibsel tierischen Gebrauchs wie Bissabdrücke von Thomas Manns Hund Niko; Enteignungsstempel aus der Zeit des Nationalsozialismus; gar Gegenstände wie eine Nagelfeile; und natürlich die Stift- und Schriftspuren verschiedenster Personen, durch deren Hände die Bücher vor, während und nach Thomas Manns Lebzeiten gingen.
Die Bibliothek ist der Forschung bereits seit Jahrzehnten zugänglich; 1956 kam ein erster Teil davon ins Archiv, seit 1967 gibt das Thomas-Mann-Archiv auch die Reihe der Thomas-Mann-Studien heraus, die damals explizit quellenkritischen Beiträgen gewidmet war. Den Büchern unter meinen Fingern war das anhaltende Forschungsinteresse anzuspüren: Kein Staub auf den Buchschnitten jener Bände, die Mann bekanntermaßen gründlich und stiftlich las. Darunter befindet sich eine zweiteilige Ausgabe von Albert Bielschowskys Goethe. Sein Leben und seine Werke (Thomas Mann 509:1 und 509:2).
Goethe, man weiß es, war für Mann eine lebenslange Bezugsgröße; als literarische Inspiration, als Halt und Trost in der Fremde, als Vorbild des ‚Nationaldichters‘ – und als Rivale in dieser Position. Entsprechend sind aus Manns Besitz viele Bücher von und bezeichnenderweise auch über Goethe erhalten. Nicht nur mit den Werken, sondern auch mit deren Bedeutung in Goethes Werdegang machte Mann sich vertraut: Wie alt war Goethe, als er den Werther verfasste? Welches war sein Gesellenstück, welches sein Meisterwerk? Wie wurde er von den Menschen seiner Zeit wahrgenommen? Wie schätzt ihn die heutige Forschung ein?
Die beiden Bände von Bielschowsky hat Mann rege gelesen, das zeigen die vielen Lesespuren, die darin von ihm stammen. Bereits kurz nach ihrem Erscheinen 1905 waren die Bücher in Manns Besitz gelangt. In dieser Zeit arbeitete er an der Erzählung Schwere Stunde, worin eine Schiller-Figur mit Neid und Bewunderung die Schaffenskraft des Konkurrenten Goethe beschreibt. Später verzeichnen Manns ab 1921 erhaltene Tagebücher immer wieder die Lektüre des ‚Bielschowsky‘. Ein halbes Jahrhundert begleiteten ihn die beiden Bände, und kaum hätten die Jahre zwischen 1905 und 1955 für Mann wechselvoller und entwicklungsreicher in seinem privaten Leben, seinem politischen Denken, seinem fortwährenden literarischen Schaffen sein können.
Mit einem Blick in die Thomas-Mann-Forschung lässt sich Manns Selbstbezug auf Goethe in der Zeit grob und ungefähr schematisieren: Distanznahme in Schwere Stunde (1905), Identifikation in Joseph in Ägypten (1936), Überwindung in Lotte in Weimar (1939), Überschreibung in Doktor Faustus (1947). Die Bewegung zeigt sich in den Spuren der ‚Bielschowsky‘-Lektüren: Die junge Schreibhand Thomas Manns bekundete in bleistiftlicher Kurrentschrift „Sympathie“ mit dem Plan einer Prosadichtung über die biblische Joseph-Figur, den Goethe selbst allerdings nie verwirklichte. Sie fand hier bei Bielschowsky auch eine Rechtfertigung für die „Identifikation“ mit einer vorangegangenen Dichtergröße.
Viel später, in den 1940er-Jahren, las Mann die Bände erneut. Das zeigt sich an einer Stelle im Drucktext, welche die Spannweite von Goethes Geist bewundert: Gleichzeitig könne dieser die Gegensätze zwischen den politischen „Xenien“ und den „ätherischsten Büchern seines Wilhelm“ in sich bergen, heißt es da. Die Passage ist angestrichen, mit blauem Farbstift diesmal. Aber das hohe Lob scheint den Schreiber der zugehörigen Marginalie nicht mehr sonderlich beeindruckt zu haben. In lateinischer Schreibschrift, der Hand des arrivierten Autors, steht da: „Kann jeder. Radio und Joseph“.
Mit „jeder“ ist allerdings kein anderer als Thomas Mann selbst gemeint: „Joseph“ bezieht sich auf die vier Bände der Joseph-Tetralogie (entstanden zwischen 1926 und 1943), „Radio“ auf die politischen Ansprachen, die Mann aus dem amerikanischen Exil im Oktober 1940 erstmals und bis 1945 regelmäßig für die BBC an Deutsche Hörer! richtete. Mit der Publikation des Joseph konnte das große Vorbild als eingeholt gelten: „Aber der Dr. Faustus ist garnicht mein Faust, sondern das ist eher der ‚Joseph‘“, urteilte Mann später selbst (Brief vom 4. September 1951 an Walter Haußmann).
Die beiden Bielschowsky-Bände, so zeigen ihre Widmung aus dem Jahr 1905, die Archiveinträge von 1956 oder der seither in der Nachlassbibliothek noch hinzugekommene Barcodestreifen genauso wie der staubfreie Buchschnitt, sind durch viele verschiedene Hände gegangen. Thomas Mann selbst befasste sich mit ihnen an ganz unterschiedlichen Stationen seines Lebens, Denkens und Schreibens: In den Marginalien des jungen und des gereiften Lesers steht, dass sie zwar mehrfach die selben, jedoch keine zwei Mal die gleichen Hände berührten.
Über die Autorin
Martina Schönbächler ist Literaturwissenschaftlerin und derzeit zuständig für digitale Projekte und Editionen an den Literaturarchiven der ETH Zürich, zuvor war sie in Klagenfurt Postdoc am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv. Sie forscht zu Autor:innenbibliotheken sowie Schreibprozessen in trans- und posthumanen Kontexten. Schönbächler wirkte an der Digitalisierung von Thomas Manns Nachlassbibliothek mit, in deren Rahmen ihr Buch Splitterpoetologie. Thomas Manns Gerda-Komplex zwischen Bibliothek, Frühwerk und „Joseph in Ägypten“ (Wallstein, 2024) entstand.


