Vorsatz
Im Folgenden ist ausschließlich von meinem Hunde Bauschan die Rede, wovon reeller Weise im voraus Jedermann ausdrücklich verständigt sei, damit niemand später getäuschte Erwartungen einklagen könne, sondern jeder, den die Beschäftigung mit einem so nebensächlichen Gegenstand unter seiner geistigen Würde dünkt, diese Blätter sogleich und ohne unersetzlichen Zeitverlust wieder beiseite werfe. (GkFA 6.1, 11)
Ähnliches wie für das Vorwort von Thomas Manns Erzählung Herr und Hund (1918) gilt auch für diesen Beitrag. Hinzugefügt werden muss jedoch, dass es nicht nur um Bauschan gehen soll, sondern um sämtliche Hunde Thomas Manns, soweit etwas über sie bekannt ist.
Mit der kleinen Erzählung Herr und Hund inszenierte sich Thomas Mann nicht nur privat, sondern auch öffentlich als Hundenarr. Die Liebe zum Vierbeiner kommt schon in der Anfangsszene zum Vorschein, in der der Autor beschreibt, wie Bauschan „um die Ecke“ kommt und sein gesamtes Verhalten, seine Körpersprache und sein Ausdruck genauestens beschrieben werden. Als Hühnerhund Bauschan vor seinem Herren steht,
[…] beginnt er, ohne Laut zu geben – denn er macht einen sparsamen Gebrauch von seiner sonoren und ausdrucksvollen Stimme –, einen wirren Begrüßungstanz um mich herum zu vollführen, bestehend aus Trampeln, maßlosem Wedeln, das sich nicht auf das hierzu bestimmte Ausdruckswerkzeug des Schwanzes beschränkt, sondern den ganzen Hinterleib bis zu den Rippen in Mitleidenschaft zieht, ferner einem ringelnden Sichzusammenziehen seines Körpers, sowie schnellenden, schleudernden Luftsprüngen, nebst Drehungen um die eigene Achse, – Aufführungen, die er aber merkwürdigerweise meinen Blicken zu entziehen trachtet, indem er ihren Schauplatz, wie ich mich auch wende, immer auf die entgegengesetzte Seite verlegt. (GkFA 6.1, 14)
Der hier sich anbahnende Hundespaziergang war auch in Thomas Manns realem Leben ein fester Bestandteil seines Alltags. Immer wieder findet man in den Tagebüchern Einträge wie folgenden: „Anderthalbstündiger Spaziergang bis zur Föhringer Brücke, mit Bauschan, der sein neues Halsband trug.“ (Tagebücher, 21. November 1918)
Der Hundespaziergang ist ein wichtiges Element des rhythmisierten Tagesablaufs des Schriftstellers. Bauschan erlangte durch die Erzählung Herr und Hund sogar eine so große Berühmtheit, dass gar ein anderer Hund namens Jack an ihn schrieb. Leider musste Thomas Mann dem Hund mitteilen, dass Bauschan zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war. (vgl. GkFA 15.1, 501)
Wer aber kam vor und nach Bauschan? Wie viele Hunde hatte Thomas Mann insgesamt eigentlich?
Das ist gar nicht so leicht herauszubekommen, da es bekanntlich nicht aus allen Jahren Tagebücher von Thomas Mann gibt, auch das Thomas Mann-Handbuch führt keinen Eintrag zu den Hunden des Schriftstellers. Fragt man die künstliche Intelligenz ChatGPT, bekommt man eine frei erfundene Antwort. Angeblich hatte Thomas Mann vier Hunde und einen Dackel namens „Pip“. Beides ist leider falsch. Die einzig korrekte Information war hier, dass die Hunde in seinem Alltag eine gewisse Rolle spielten.
Sucht man in e-pics der ETH generell nach Hunden, tauchen zwischen den bekannten auch allerlei anonyme Tiergesichter auf.
Was jedoch festgehalten werden kann, ist, dass Thomas Mann zeitlebens einen vierbeinigen Begleiter an seiner Seite hatte. Nicht alle hatten jedoch den nötigen Charakter, um dort auch längerfristig zu bestehen …
Durch ausführliche Tagebuch- und Bildrecherche gelang es, folgende Chronologie der Hunde Thomas Manns aufzustellen:
1895/97
Titino, ein kleiner italienischer Hund. Aus Heinrichs Mann Autobiografie Ein Zeitalter wird besichtigt, ist bekannt, dass Thomas Mann schon einen Hund besaß, als er mit Heinrich Mann in Italien war und an Buddenbrooks schrieb:
„Niemals ließ er seinen kleinen Hund zu Hause. ‚Sollen wir wirklich allein gehen?‘ fragte er, wenn Titino nicht zur Stelle war. Wir hatten ihn auf einem Heuhaufen gefunden. Sein Gehaben in allen Lagen, die Äußerungen seiner kleinen Instinkte, dieselben wie unsere, nur unbefangener, es gewährte ihm Trost und gab ihm Unterricht. Titino, der Realist, war eine muntere Berichtigung, wenn das junge Gemüt seines Herrn sich verdüstern wollte.“ (Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt, 1946)
Von spätestens 1909 bis vor 1918
Motz, ein Collie (als literarischer Hund „Percy“ in Königliche Hoheit verewigt)
Im Roman Königliche Hoheit wird der Hund Percy als wildes Temperament beschrieben:
Den Hund angehend, der Perceval hieß (was englisch auszusprechen war) und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern lag in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen Gemächern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfällen von Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. (GkFA 4.1, 208)
Bis 1920
Bauschan, Deutscher Hühnerhund, erhielt ein literarisches Konterfei in Herr und Hund. Das lässt sich auch im Tagebuch nachvollziehen: „Schrieb eine reichliche Seite am Bauschan. Ausgedehnter Spaziergang mit dem Modell.“ (Tagebücher, 10. Oktober 1918)
Ab 1920 bis mindestens 1932
Lux oder Luchs, deutscher Schäferhund. Die Anschaffung des Hundes wird im Tagebucheintrag vom 23. März 1920 beschrieben: „Kauf eines neuen Hundes namens Lux für 750 M von dem Polizei-Wachtmeister, der sich schon neulich als Vermittler anbot. Kleiner Schäferhund, zuthunlich, gutmütig und wachsam, wie es scheint.“ Aber hatte er auch genug Charakterfestigkeit für das anspruchsvolle Herrchen Thomas Mann? Ein Tagebucheintrag vom 3. April 1920 lässt Zweifel aufkommen: „Das neue Hündchen Luchs ist zuthunlich bis zur Charakterlosigkeit.“ Dennoch blieb Lux viele Jahre an der Seite Thomas Manns.
Zwanzigerjahre bis 1936
Parallel zu Lux und zeitweise noch zu Toby, gab es einen weiteren kleinen weißen Familienhund, ein Malteser namens Muschi. Die Familienbriefe klären darüber auf, dass Muschi im Jahr 1936 „sanft entschläfert“ wurde und dass „der dumme Toby […] nun Alleinherr“ war (Katia Mann an Klaus Mann, 1. 2.1936; In: Die Briefe der Manns, hrsg. von Tilmann Lahme u.a., S. Fischer 2016, S. 148)
Ab 1934
Toby, Terrier. Zunächst wird Toby noch freundlich in die Familie aufgenommen, wie man hier im Tagebuch vom 25. Dezember 1934 sehen kann: „Der Hund kam, ein schönes Tier, noch sehr verwirrt und schüchtern. Wir führten ihn mittags durch den Wald spazieren“. Toby wurde im Laufe des Jahres 1938 jedoch weggegeben wegen schlechten Betragens. Das kündigt schon ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1937 an: „Toby beißt wieder einmal vor den Augen der Mädchen eine Frau u. wird wohl abgeschafft werden müssen.“ (Tagebücher, 30. August, 1937)
„Der Hund kam, ein schönes Tier, noch sehr verwirrt und schüchtern. Wir führten ihn mittags durch den Wald spazieren“. Toby wurde im Laufe des Jahres 1938 jedoch weggegeben wegen schlechten Betragens. Das kündigt schon ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1937 an: „Toby beißt wieder einmal vor den Augen der Mädchen eine Frau u. wird wohl abgeschafft werden müssen.“ (Tagebücher, 30. August .1937)
1939
Jimmy, nicht mehr bestimmbare Rasse, hatte nur sehr kurz das Glück an Thomas Manns Seite zu sein. Hierzu im Tagebuch vom 30. Mai 1939: „Mit K. und dem wachsenden Jimmy etwas spazieren.“ Dazu der traurige Kommentar: „Jimmy: Ein kleiner Haushund, der später überfahren wurde, Vorgänger des Pudels Nico.“
1939 bis 1950
Niko, schwarzer Pudel, der zunächst einen anderen Namen hatte: „Daheim Miss Caroline mit Pudel Gueulard vorgefunden, den sie mir zum Geschenk macht. Stummes, scheues, edles Tier.“ (Tagebücher, 28. Okober 1939) Thomas Mann hing offenbar besonders an diesem Tier, wie folgender Tagebucheintrag belegt: „Verlangen, Niko wiederzusehen, von dem ich nachts sogar träumte.“ (28. Februar 1940) Allerdings scheint Niko eine Neigung zu Missgeschicken gehabt zu haben: „Niko verursacht Kurzschluß, indem er zu seinem Entsetzen die Nachtlampe herunterreißt. – Sonstige Malheurs mit den Vorhängen im Schlafzimmer.“ (Tagebücher, 30. Juli 1946) Niko hatte offenbar auch einen ausgeprägten Freiheitsdrang zum Verdruss des Herrn und lief eines Tages weg: „Nichts von Niko. […] Ging Amalfi Drive weit hinunter, ohne Niko.“ (Tagebücher, 10. Januar 1950) Zeitweise überlegt Thomas Mann daraufhin, sich einen weiblichen Pudel anzuschaffen: „Gestern Telegrammwechsel mit Caroline N. wegen Nachfolgerschaft. Kann mir zu empfohlenem female Pudel kein Herz fassen.“ (Tagebücher, 28. Januar 1950) Der Plan wurde also wieder verworfen.
Ab 1950
Alger, Pudel, der die Charakterprüfung nicht bestand. Dazu im Tagebuch vom 28. Januar 1951: „Der charakterlich unmögliche, neurotische Pudel, der weggegeben werden soll und wahrscheinlich zu Krischna Murti kommen wird, schlich nachmittags scheu zu mir ins Arbeitszimmer, legte Kopf und Pfote auf, und wir hatten ein längeres trauriges Zwiegespräch.“
Ab 1953 bis 1954
Boris, Schäferhund, war eigentlich der Hund des jüngsten Sohns Michael Mann. Thomas Mann wird aber zeitweise zum 'Dog Sitter': „Der Hund Boris ein gutes, angenehmes und dankbares Tier, das sich rasch anschließt. Fühlt sich wohl auf seinen Decken unten bei der Haustür, wo er nun die Nacht verbringt.“ (Tagebücher, 27. August 1953) Im September 1954 nimmt Michael Mann den Hund zurück und Thomas Mann verabschiedet sich von seinem Übergangsgefährten: „Bibi […] nimmt Boris mit, der in der Tat zur Winterszeit hier nicht zu halten wäre. Abschied von dem vertrauten Tier mit einem Kuß auf seinen Kopf. Gut, er kommt zu den Buben.“ (Tagebücher, 16. September 1954)
1955
Niko, schwarzer Pudel, der ein Geschenk zur Goldenen Hochzeit Katia und Thomas Manns war. Thomas Mann schildert im Tagebuch am 11. Februar 1955 wie Niko in die Familie kam:
„Beim Frühstück brachten die drei Kinder festlich ihr Geschenk, den neuen Niko, einen zweijährigen, sehr hübschen schwarzen Pudel herein. Trug ein Gedicht von Erika auf dem Rücken. Ist gesittet und klug, spielt mit einem Ball, liebt Fleisch und Chokolade. [..] Herzliche Freude über das Wiederdasein des kreatürlichen Hausgenossen.“
Niko scheint Thomas Mann in seinem letzten Lebensjahr noch viele glückliche Spaziergänge beschert zu haben. Mit dem Charakter war Mann auch einverstanden. Das Tagebuch verzeichnet, der Pudel sei „lustig und artig“ (Tagebücher, 4. März 1955), nirgends findet man ein kritisches Wort über das muntere Tier. Ein gutes letztes Hundejahr also für Thomas Mann.
Dass Thomas Mann zeitlebens nicht ohne Hund sein wollte, verrät vielleicht mehr über den Schriftsteller als manche Werkdeutung: das Bedürfnis nach einem Gefährten, der den streng rhythmisierten Alltag teilte, ohne ihn zu stören – und der die einzige Gesellschaft bot, bei der Mann sicher sein konnte, nicht ins Gespräch verwickelt zu werden.
About the author
Barbara Eschenburg studierte Deutsch und Kunst auf Lehramt sowie Ethik der Textkulturen und promovierte über Thomas Manns Menschlichkeitsbegriff im Kontext russischer Literatur. Seit 2015 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Buddenbrookhaus Lübeck.





