Demokratie zwischen Wort und Tat: Thomas Mann, Edvard Beneš und die Tschechoslowakei

Essay

Am 15. März 1939, dem Tag der deutschen Besetzung Prags, traf Thomas Mann in Chicago mit dem ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš zusammen. Der Historiker Jan Vondráček untersucht die intellektuellen und persönlichen Verbindungen zwischen Mann und Beneš und beleuchtet dabei nicht nur Beneš’ entscheidende Rolle bei der Erlangung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft für Mann, sondern auch seinen bislang wenig beachteten Einfluss auf Manns Schrift The Coming Victory of Democracy.

Am 15. März 1939 wurde Prag von deutschen Truppen besetzt. Das war der letzte Akt in der schrittweisen Zerschlagung der Tschechoslowakei, die erst zwanzig Jahre zuvor gegründet worden war. Seit 1933 hatte sie als Zufluchtsort für Tausende Opfer politischer und rassischer Verfolgung in Nazideutschland gedient, darunter auch zahlreiche Intellektuelle.

Beneš und Mann im Hotel Windermere in Chicago. Copyright: Shutterstock Genehmigungsnummer USTAX-0EA00A85C-1

Ebenfalls am 15. März 1939 trafen im Hotel Windermere in Chicago, Tausende Kilometer von Prag entfernt, zwei bedeutende Persönlichkeiten zusammen. Beide hatten eine starke Beziehung zur Tschechoslowakei: Thomas Mann und der frühere Präsident dieses Staates, Edvard Beneš. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Thomas Mann ohne die Hilfe von Edvard Beneš niemals in die USA hätte emigrieren können.

Vor 1939 bot Prag geflohenen deutschen Intellektuellen etwas, das Paris oder Amsterdam nicht zu bieten vermochten: eine deutschsprachige Leserschaft und eine Umgebung, in der sie Gedanken auf Deutsch austauschen konnten. Schließlich war die Tschechoslowakei auch Heimat einer deutschen Minderheit von etwa drei Millionen Menschen. Die meisten von ihnen lebten in Gebieten nahe der deutschen Grenze, doch Tausende auch in Prag und Brünn. Viele davon bekannten sich nach tschechoslowakischem Recht zur jüdischen Nationalität.

Junge Emigranten hatten die Möglichkeit, an der deutschen Universität in Prag ihr Studium in deutscher Sprache fortzuführen. Anders als in der Schweiz durften die Emigranten in der Tschechoslowakei auch ihre politischen Aktivitäten fortsetzen. Aus diesem Grunde flohen Hunderte von Kommunisten in die Tschechoslowakei. Auch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands verlegte nach der Machtergreifung der Nazis ihre Zentrale nach Prag.

Seit den Februarkämpfen 1934 in Österreich und der Schaffung des dortigen „austrofaschistischen“ Regimes kamen auch zahlreiche Österreicher in die Tschechoslowakei und machten sie zum wichtigsten Land für deutschsprachige Emigranten in Europa.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 führte aber auch zu beträchtlichen Spannungen in der Tschechoslowakei zwischen den deutschen, tschechischen und jüdischen Bevölkerungsteilen. Die Sudetendeutschen sympathisierten zunehmend mit dem NS-Regime – mit Folgen für die 10 000 bis 20 000 deutschen Emigranten, die vielfach in den Grenzgebieten lebten, weil Prag zu teuer war.

Schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts war diese Region ein Zentrum völkischer, antislawischer und antisemitischer Bewegungen gewesen, und dort hatten auch die Vorläufer der nationalsozialistischen Bewegung ihre Wurzeln. In Liberec/Reichenberg, der inoffiziellen Hauptstadt der sudetendeutschen Minderheit, regierte seit der Mitte der Dreißigerjahre die sudetendeutsche Henlein-Partei und verhinderte, dass Emigranten dort ihren Wohnsitz nahmen – eine Voraussetzung für die Beantragung eines tschechoslowakischen Passes.

Heinrich Mann hatte versucht, dort Wohnsitz und Pass zu erhalten, und war damit aufgrund der politischen Stimmung im Stadtrat gescheitert.

Sudetendeutsche begrüßen deutsche Soldaten mit dem Hitlergruß in Saaz, Tschechoslowakei, 1938. Foto: Bundesarchiv, Bild 146–1970–005–28 / CC-BY-SA 3.0, Creative Commons.

Da die Presse ausgiebig darüber berichtete, erfuhr Rudolf Fleischmann, ein jüdisch-tschechischer Fabrikant und Bewunderer von Thomas Mann, von Heinrich Manns Bemühungen; dank seiner Unterstützung erhielt die gesamte Familie Mann einen Wohnsitz in der Kleinstadt Proseč und – auch aufgrund einer Intervention des Staatspräsidenten Beneš – 1936 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft.

Thomas Mann bei seiner Ankunft in Proseč, 1. Dezember 1937. ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0405

Zu dieser Zeit lebte Thomas Mann in der Schweiz, wo es ihm nicht gelungen war, die dortige Staatsbürgerschaft zu erwerben, während das Naziregime ihm die deutsche aberkannt hatte, sodass er staatenlos war. Ohne den neuen tschechoslowakischen Pass hätte Mann die Schweiz nicht verlassen können.

In seinem Vortrag Vom zukünftigen Sieg der Demokratie erinnerte er nach seiner Ankunft in Amerika:

Noch mehr verdanke ich der Tschechoslowakischen Republik, die mir das großzügige Geschenk ihrer Staatsbürgerschaft machte, nachdem mir die deutsche Nationalität geraubt worden war. Gerade heute, da der Himmel Mitteleuropas sich so bedrohlich verfinstert, ist es mir ein von Herzen kommendes Bedürfnis, meine dankbare Loyalität gegenüber dieser mutigen und liebenswerten demokratischen Republik zum Ausdruck zu bringen.

Die Erstausgabe von The Coming Victory of Democracy. Knopf, 1938. Foto: Benno Herz

Thomas Mann war mehrmals in die Tschechoslowakei gereist, um den demokratischen Staat gegen die sudetendeutsche Bewegung zu unterstützen. Für Beneš und seine Regierung war diese Hilfe Gold wert, da sie zur Beherrschung der Lage in der Öffentlichkeit bekannte Verbündete, die zugleich auch international eine Autorität darstellten, dringend benötigten.

Auf der einen Seite drängte die sudetendeutsche Minderheit auf Autonomie gegenüber Prag und eine Annexion durch NS-Deutschland; auf der anderen Seite warfen konservative tschechische Kräfte Beneš vor, deutsche Kommunisten ins Land zu holen, und tschechisch-nationale Kräfte beschuldigten ihn, deutsche Immigranten zu hofieren, statt sich um tschechische Probleme zu kümmern.

Dass die Debatte über die Demokratie in der Tschechoslowakei Eindruck auf Thomas Mann machte, ist bekannt. Neu ist indessen die Erkenntnis, dass Thomas Manns Vorstellung von Demokratie auch durch die theoretische Arbeit von Edvard Beneš beeinflusst wurde.

Beneš wird gewöhnlich eher als Politiker wahrgenommen denn als Denker. Er hatte 1918 zu den Mitbegründern des tschechoslowakischen Staates gehört und wurde dann Außenminister, Regierungschef und schließlich von 1935 an Staatspräsident seines Landes.

Er hatte jedoch auch in Prag, Paris und Dijon studiert und war 1908 mit einer Dissertation über Österreich und die tschechische Frage promoviert worden. 1912 habilitierte er sich in Prag bei Tomáš Garrigue Masaryk, dem späteren Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, in Soziologie.

Während des Ersten Weltkriegs ging Beneš neben politischen Aktivitäten einer Lehrtätigkeit an der Pariser Sorbonne nach. Dann wurde er Professor für Soziologie und veröffentlichte während der gesamten Dreißigerjahre zahlreiche Schriften über Demokratie, darunter auch solche in deutscher Sprache.

Am 3. Dezember 1937 erhielt er einen mit Schreibmaschine geschriebenen Brief von Thomas Mann:

Es dürfte zwar nicht schicklich sein, seinem Staats-Oberhaupt allzu häufig zu schreiben, aber meiner großen Erkenntlichkeit für Ihren letzten Brief und das überaus wertvolle Geschenk, das ihn begleitete, geziemt es sich mir doch und zwar sehr herzlichen Ausdruck zu geben.

Ich habe in diesen Tagen sehr viel in den drei silbernen Bänden gelesen. Sie sind ein rechter Born von politischer Weisheit und kraftvoller Mäßigung und werden eine Erquickung sein für jeden, der sich in seiner Überzeugung von dem menschlichen Vorrang der Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform vor allen anderen Lösungen des sozialen Problems zu bestärken wünscht.

Unveröffentlichter Brief von Thomas Mann an Edvard Beneš. Mit freundlicher Genehmigung des Masaryk-Instituts und Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Quelle: MÚA, AÚTGM, Fonds E. Beneš I (EBI), Inv.-Nr. 1186, Sign. R 175/4, Kart. 251.

Letzte Seite des Briefes. Mit freundlicher Genehmigung des Masaryk-Instituts und Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Quelle: MÚA, AÚTGM, Fonds E. Beneš I (EBI), Inv.-Nr. 1186, Sign. R 175/4, Kart. 251.

Aus dem Beginn dieses Briefes können wir den Schluss ziehen, dass Mann und Beneš häufig Gedanken austauschten. Das genannte Geschenk ist Gedanke und Tat, ein dreibändiges Werk (Die Politik als Wissenschaft und Kunst, Vom Bau und Leben des Staates, Die Zusammenarbeit der Nationen), das zahlreiche Reden und Publikationen von Beneš versammelt.

Mann fährt fort:

Ich finde den deutschen Titel Ihrer Schriften: "Gedanke und Tat" außerordentlich gut gewählt, weil diese Wortverbindung tatsächlich die Formel ist für alle geistige Demokratie. Es ist das Manko undemokratischer und demokratisch unerzogener Nationen, dass sich bei ihnen das Denken gleichsam im luftleeren Raum und ohne jede Beziehung zur Wirklichkeit, ohne Verantwortung vor ihr und ohne Sinn für die Wirklichkeits-Konsequenzen abspielt, die sich aus den Gedanken ergeben.

Goethe sagt einmal: "Der Handelnde ist immer gewissenlos, ein Gewissen hat nur der Betrachtende." Das ist wahr, und eben, weil es wahr ist, muss der Betrachtende Gewissen haben auch noch für den Handelnden, wobei natürlich der glücklichste Fall ist, wenn der Denker und der Handelnde ein und dieselbe Person sind, wie es bei Ihrem großen Vorgänger, verehrter Herr Präsident, der Fall war – und bei Ihnen selbst der Fall ist.“

Mit freundlicher Genehmigung des Masaryk-Instituts und Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Quelle: MÚA, AÚTGM, Fonds E. Beneš I (EBI), Inv.-Nr. 1186, Sign. R 175/4, Kart. 251.

Die Bemerkung, mit der Thomas Mann eine Verbindung zwischen Masaryk als erstem Staatspräsidenten der Tschechoslowakei und Beneš herstellt, illustriert die Bedeutung, die er beiden Persönlichkeiten für das Funktionieren dieses demokratischen Staates beimaß.

Tatsächlich gingen zahlreiche Eigenheiten der Tschechoslowakei, wie etwa ihr militantes Vorgehen gegen Antisemitismus, der auch dort vor allem in den frühen Zwanzigerjahren ein Problem darstellte, auf Masaryks energische politische Arbeit zurück. Er und Beneš spielten eine zentrale Rolle bei der Schaffung der Tschechoslowakei.

Welche Bedeutung Beneš’ Schriften für Thomas Mann besaßen, zeigt sich im weiteren Verlauf des Briefs:

Ich muss Anfang nächsten Jahres eine lecture-Tournée durch die Vereinigten Staaten antreten, bei der ich über "den zukünftigen Sieg der Demokratie" sprechen soll. Ich darf Ihnen sagen, dass bei der Vorbereitung dieser Ansprache mir die Beschäftigung mit Ihren Schriften eine große Anregung und moralische Hilfe war.

Von Februar bis Mai 1938 unternahm Thomas Mann diese Lesereise, wobei seine Lesungen und Vorträge in ganz Amerika im Radio gesendet wurden; im September des gleichen Jahres wurden sie als Buch veröffentlicht.

Liest man es, stellt man fest, dass sein in dem Brief an Beneš verwendetes Goethe-Zitat nun in einem breiteren Kontext erscheint. Auch finden wir dort Argumente, die Mann in seinem Brief im Zusammenhang mit Beneš’ Buch Gedanke und Tat geäußert hatte:

Wir nennen den jüngst verstorbenen Gründer und ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik einen großen Demokraten. Warum? Weil sich in seiner Gestalt ein neues und modernes Verhältnis von Geist und Leben verkörpert, weil er in organischer Verbindung Denker und Staatsmann war – ein Denker als Staatsmann und als Staatsmann ein Denker.

Die Forderung Platos, daß Philosophen den Staat regieren sollen, wäre eine gefährliche Utopie, wenn sie nur besagen wollte, daß der Regent ein Philosoph sein soll. Der Philosoph muß auch ein Regent sein – erst das schafft das Verhältnis von Geist und Leben, welches wir demokratisch nennen.

Die Argumentation von Beneš’ Diskussion der Demokratie lässt sich zwar nur schwer in wenigen Sätzen zusammenfassen, aber wir können sagen, dass Integration und Erörterung der sozialen und wirtschaftlichen Fragen für ihn eine zentrale Rolle spielten.

Die Idee der sozialen Demokratie bildet auch den Kern des politischen Denkens von Thomas Mann. Für beide stellen die aristotelischen Grundsätze der Demokratie, der Humanismus und die soziale Frage zentrale Aspekte ihrer Argumentation dar.

Die Krise der Demokratie, einschließlich des Nationalsozialismus und der Gefahr des Faschismus ganz allgemein, sind natürlich auch wichtige Themen. Doch die Frage, wie die Demokratie sich gegen diese Erscheinungen verteidigen sollte, gehen beide mit philosophischen und kulturellen Argumenten an.

Der heute in Oxford lehrende Politikwissenschaftler Giovanni Capoccia kommt zu dem Schluss, dass kulturelle und soziale Faktoren zwar entscheidend für die langfristige Stabilität einer Demokratie sind, jedoch kaum eine Rolle bei der Bewältigung kurzfristiger oder spontaner politischer Krisen spielen. In solchen Situationen gewinnen die Struktur des politischen Systems, die Verfassung sowie die staatlichen Institutionen und ihre Akteure – allen voran die Regierung und das Staatsoberhaupt – erheblich an Bedeutung.

In Staaten mit einer ausgeprägten demokratischen Tradition und einem entsprechenden Selbstverständnis, mit einem politischen System auf breiter gesellschaftlicher Grundlage und einem grundlegenden demokratischen Konsens, können institutionelle Reaktionen auf kurzfristige politische Strategien und Methoden – wie etwa den Faschismus – nur dann wirksam sein, wenn die extremistischen Kräfte schwach sind. Gleichzeitig aber verlieren staatliche Reaktionen in solchen Fällen an praktischer Relevanz.

Sind die extremistischen Akteure hingegen stark, vermögen auch diese Strategien ihr Ziel nicht zu erreichen. Betrachtet man stattdessen die kurzfristige Perspektive, stellt sich zwangsläufig die Frage, unter welchen Bedingungen politische und institutionelle Gegenmaßnahmen gegenüber antidemokratischen und staatsfeindlichen Extremisten erfolgreich sein können.

Eben diese Bedingungen sowie die institutionellen und politischen Reaktionen der europäischen Staaten auf die vielgestaltige Bedrohung durch den Faschismus analysierte ein alter Bekannter Thomas Manns aus seiner Münchner Zeit: der deutsch-jüdische Politikwissenschaftler und Jurist Karl Loewenstein.

Er gehörte zu den wenigen, die schon 1933 die Zeichen der Zeit zutreffend deuteten.

Loewenstein emigrierte damals in die USA, wo er schon bald Politik- und Rechtswissenschaften lehrte, zunächst in Yale, dann am Amherst College. Thomas Mann traf ihn dort mehrfach.

In den Dreißigerjahren analysierte Loewenstein in seinen Schriften die Fähigkeit europäischer Demokratien, sich vor der Bedrohung durch extremistische Parteien zu schützen, aber vor allem den Faschismus als eine mit Sondergesetzen und Verfassungsänderungen arbeitende „politische Methode“. Dazu untersuchte er sämtliche europäischen Staaten in vergleichender Perspektive.

In seinen Augen besaß ein europäischer Staat besonderen Modellcharakter: „In der Tschechoslowakei ist das Postulat der im Kriegszustand befindlichen Demokratie buchstabengetreu erfüllt.“ Nach ihrem Vorbild entwickelte Loewenstein sein Konzept der militanten Demokratie, die nach 1945 wegweisend für alle westlichen Staaten werden sollte.

Porträt von Karl Loewenstein, ohne Datum, Karl Loewenstein Collection, Amherst College Archives & Special Collections.

Die Struktur des tschechoslowakischen Staates funktionierte, bis das Land im September 1938 in München von den Westmächten verraten wurde – ein Ereignis, mit dem Thomas Mann sich in seinem Essay Dieser Friede auseinandersetzte. München war nicht nur eine außenpolitische Katastrophe für die Tschechoslowakei und Europa, sondern bedeutete vor allem eine internationale Abkehr von der Demokratie.

Wie hätte Beneš die Demokratie gegen deren Gegner im eigenen Land verteidigen können, wenn selbst jene Staaten, die an der Wiege dieses politischen Systems gestanden hatten – England und Frankreich – sie opferten? Der Präsident trat zurück.

In den Tagen danach erhielt Beneš ein Telegramm von Thomas Mann, in dem dieser ihn bat, zu ihm in die USA zu kommen:

In diesem tragischen Augenblick möchten ich und mein Haus Ihnen, dem verehrungswürdigen Opfer fremder Schwäche und Untreue, unsere herzliche Huldigung darbringen. Wir haben mit Ihnen gelitten in diesen grauenvollen Wochen und Sie und Ihr Volk mehr und mehr bewundert. Kommen Sie in dieses Land, wo man noch Hochherzigkeit kennt und wo man Sie feiern und ehren wird.

Das Telegramm, das Thomas Mann am 6. Oktober 1938 aus Princeton an Edvard Beneš sandte. Mit freundlicher Genehmigung des Masaryk-Instituts und Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Quelle: MÚA, AÚTGM, Fonds E. Beneš I (EBI), Inv.-Nr. 1186, Sign. R 175/4, Kart. 251.

Edvard Beneš folgte Thomas Mann tatsächlich in die USA, wo er von Februar bis Juli 1939 als Gastprofessor an der University of Chicago lehrte. Sein Thema war die Demokratie. Seine Vorlesung wurde kurz danach unter dem Titel Democracy Today and Tomorrow veröffentlicht.

Inzwischen wurde am 15. Dezember 1938 in Prag von den politischen Gegnern Beneš’ ein autoritäres und antisemitisches Regime installiert. Zwar fand die Zerstörung der Demokratie in der Tschechoslowakei auch international einige Beachtung, doch wurde sie bereits drei Monate später, am 15. März 1939, von der Invasion deutscher Truppen überschattet.

Während Thomas Mann nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit seiner Literatur gegen die Nazis kämpfte, tat Beneš dasselbe auf politischem Gebiet. Er ging nach Großbritannien und wurde dort Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung.

Auf seine Anordnung hin wurde Reinhard Heydrich in Prag von einem tschechoslowakischen Sonderkommando getötet, was nach den brutalen Vergeltungsaktionen und der Zerstörung der Dörfer Lidice und Ležàky durch die Deutschen zur Annullierung des Münchener Abkommens durch die Briten führte.

Auch die deutschen Emigranten in Hollywood reagierten: Bereits im Winter 1943 wurde der Film Hitler’s Madman von Douglas Sirk gedreht, der sich mit dem Attentat auf Heydrich befasste. Im selben Jahr entstand Hangmen Also Die! – von niemand Geringerem als Fritz Lang inszeniert, das Drehbuch verfasste Bertolt Brecht mit, die Musik komponierte Hanns Eisler.

Plakat zu Hangmen Also Die!, 1943.

Die internationale Anerkennung war erkauft durch das Blut von mehr als zweitausend Menschen, die nach dem Attentat auf Heydrich von den deutschen Besatzern ermordet wurden, aber sie führte nach dem Krieg zur Wiederherstellung des Landes in den Grenzen von 1937. Die Sudetendeutschen zahlten einen fürchterlichen Preis für ihr Bündnis mit dem Nationalsozialismus: Fast alle wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben.

Zwar war es zweifellos Beneš’ Verdienst, dass die Tschechoslowakei nach 1945 als demokratischer Staat wiedererstand, doch seine naive Politik ließ zu, dass der stalinistische Einfluss der Sowjetunion immer weiter zunahm. Nach nicht einmal drei Jahren Demokratie, die zahlreiche Elemente des in Beneš’ Schriften erörterten sozialisierenden Demokratiekonzepts umfasste, setzte der kommunistische Staatsstreich von 1948 diesen Vorstellungen ein Ende.

Beneš starb kurze Zeit später – und mit ihm die Demokratie in der Tschechoslowakei. Aufgrund seiner zentralen Rolle bei der Annahme des Münchener Abkommens und seiner Entscheidung, damals nicht gegen Hitler zu kämpfen, wegen seiner Rolle bei dem erfolgreichen Attentat auf Heydrich, bei der Vertreibung der Sudetendeutschen und bei der kommunistischen Machtübernahme wird er heute in der Tschechischen Republik und in Deutschland ganz unterschiedlich und kontrovers wahrgenommen.

Seine Rolle bei diesen Ereignissen hat dazu geführt, dass seine Schriften und sein Einfluss auf Thomas Mann inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Wie die von mir entdeckte Korrespondenz zwischen Thomas Mann und Beneš zeigt, ist es aber lohnend, Beneš’ soziologische und politische Schriften zu studieren, da sie einiges zu der Demokratiedebatte beitragen können, die Ende der Dreißigerjahre in den USA geführt wurde.

Über den Autor

Dr. Jan Vondráček ist Historiker am Masaryk-Institut und Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und lehrt Geschichte an der Karls-Universität in Prag. Kürzlich wurde er mit dem renommierten Forschungspreis Lumina Quaeruntur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet. Derzeit arbeitet er unter anderem an seinem zweiten Buch Ursprünge der wehrhaften Demokratie: Gestaltung, Verteidigung und Wahrnehmung der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918–1938, das im kommenden Jahr im transcript Verlag erscheinen wird.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Textes erschien bereits am 7. Mai 2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.