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Das politische Erwachen als moderner Mythos. Von Taylor Swift zu Thomas Mann

Essay

Von Taylor Swifts Wahlaufruf bis zu Thomas Manns Bekenntnis zur Republik – wir erzählen uns gern Geschichten vom plötzlichen politischen Erwachen. Doch die Wahrheit ist komplizierter: Hinter dem öffentlichen Gestus liegen Zweifel, Zögern und oft ein langer, mühsamer Prozess. Mirko Lux zeigt, warum das politische Erwachen selten ein dramatischer Bruch ist – und warum die eigentliche Arbeit im Stillen geschieht.

28 Mai 2025 | von Mirko Lux

Eine digital bearbeitete Montage, die ein Porträt von Thomas Mann aus dem Jahr 1930 (Fotograf: Atlantic-Photo, München; ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / TMA_0160, gemeinfrei) mit einer Fotografie von Taylor Swift aus dem Jahr 2012 (Fotograf: sjdavidl, Los Angeles; Flickr, CC BY-SA 2.0) kombiniert. Das Bild wurde koloriert und mithilfe generativer KI erweitert.

Wir sind süchtig nach Erzählungen vom Erwachen. Die Kultur, ebenso wie das Ich, sehnt sich nach dem Drama der Verwandlung, nach dem Spektakel von Vorher und Nachher. Der Mythos des politischen Erwachens erscheint wie ein säkulares Wunder: Der Künstler, einst schweigsam, erhebt nun seine Stimme; das Private wird öffentlich, das Persönliche politisch. Doch Mythen sind keine Erklärungen. Sie sind Masken für Komplexität.

Taylor Swift, Popstar, Inbegriff amerikanischer Unschuld und Kalkül, veröffentlichte 2018 auf Instagram einen Aufruf. Sie forderte ihre Millionen Fans auf, wählen zu gehen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen. „Ich habe mich immer zurückgehalten, meine politischen Ansichten öffentlich zu äußern, aber aufgrund mehrerer Ereignisse in meinem Leben und in der Welt in den letzten zwei Jahren fühle ich mich nun anders.“ Diese Geste wird als Bruch gelesen, als Geburt eines politischen Selbst. Die Welt sieht: Hier spricht eine neue Swift. Doch was ist inszenierter als der Moment des Geständnisses? Die Kamera verweilt. Die Welt applaudiert. Wir sollen an die Reinheit der Tat glauben, die Jahre der Verhandlung, die Kalkulationen, die immer wieder abgewogenen Risiken vergessen. Wir sollen an das Ereignis glauben, nicht an den Prozess.

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Ein Jahrhundert zuvor hält Thomas Mann, dieser Meister der Ambivalenz, seine Rede „Von deutscher Republik“. Der einstige Verfechter des Unpolitischen, Verteidiger der Kultur gegen die Zivilisation, bekennt sich nun zur Demokratie. „Mein Vorsatz ist euch für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird, und was ich Humanität nenne“. Skandal, Verrat, Metamorphose. Doch auch Mann ist ein Virtuose der Selbstrevision.

Seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind dabei weniger ein Rückzug aus der Politik als eine Inszenierung und Reflexion derselben – eine Analyse des Wunsches, von der Welt unberührt zu bleiben, und der Unmöglichkeit einer solchen Distanz. Manns berühmtes Diktum, „Zivilisation und Kultur sind nicht nur nicht dasselbe, sie sind Gegensätze“, richtet sich weniger pauschal gegen Demokratie oder den Westen, sondern vielmehr gegen eine geistlose Politisierung des Lebens, gegen die Verflachung durch Rationalismus und Materialismus. Das Buch wurde von der Konservativen Revolution gefeiert, diente der Ablehnung westlicher Demokratie, ist aber zugleich ein Dokument der Selbstprüfung, einer „Generalrevision der eigenen Grundlagen“, ausgelöst auch durch den Konflikt mit seinem Bruder Heinrich.

Erwachen bedeutet weniger eine Neugeburt als ein langsames Sich-Arrangieren mit den eigenen Unsicherheiten. Der Mythos der plötzlichen Wendung – so geliebt von Journalisten, Biografen und all jenen, die nach narrativer Klarheit hungern – verdeckt das eigentliche Drama: die langsame Sedimentation des Zweifels, das schrittweise Anwachsen von Unbehagen, die Gewissensproben, die der öffentlichen Geste vorausgehen. Manns Weg vom Unpolitischen zum Republikaner war kein Sprung, sondern ein Prozess, geprägt von Widersprüchen, Krisen und biografischen Brüchen. In einem Brief an Ernst Bertram nennt er sich „im Grunde Pragmatiker, Mann der praktischen Vernunft“. Sein Bekenntnis zur Republik war weniger ein Widerruf als eine Anpassung an die Erfordernisse der Zeit, an die „krisenhafte Bedrängnis der Allgemeinheit“. Seine Rede von 1922 war ein Akt der Selbstüberwindung – und er antizipierte die Vorwürfe: „Und dein Buch? Deine antipolitischen, antidemokratischen Betrachtungen von 18?! Renegat! Überläufer! Heuchler!“

Swifts Schweigen war nie leer. Es war gefüllt mit Strategie, mit der Erinnerung an die Verbannung der Dixie Chicks, mit dem Wissen, dass es in Amerika immer ein Risiko ist, zu sprechen. Ihr „Coming-out“ ist kein Donnerschlag, sondern eine Choreografie – Tränen, Argumente, ein Kamerateam. Aufrichtigkeit wird inszeniert, und in der Inszenierung flackert etwas Echtes auf. Doch es ist nie rein. Die Netflix-Dokumentation „Miss Americana“ inszeniert das politische Coming-out als dramatischen Bruch, doch wie jede Inszenierung ist es ein Produkt öffentlicher Erwartung. Swifts Aktivismus wird wiederholt als kalkuliert, verspätet oder performativ kritisiert. Die Ambivalenz, mit der Aktivismus im Pop heute wahrgenommen wird, ist Teil des Geschäfts: irgendwo zwischen echtem Risiko und perfektem Markenmanagement.

Die Bühne hat sich gewandelt, doch die Mechanik bleibt. Thomas Mann nutzte Rundfunk, Reden, Romane, um sich gesellschaftlich einzubringen. Swift agiert in einer hypermedialen Öffentlichkeit, in der jeder Post millionenfach verbreitet wird. Als sie 2023 erneut zur Wählerregistrierung aufrief, stieg der Traffic bei Vote.org um 1.200 Prozent – der „Swift-Effekt“. Songs wie „You Need To Calm Down“ sind zu Hymnen geworden, markieren sie als LGBTQ-Verbündete und politische Stimme im Pop.

Doch die Risiken sind ungleich verteilt. Swift riskiert Follower, Mann riskierte sein Leben. Für Swift kommt der Gegenwind in Hashtags und Schlagzeilen – ihre Sicherheit, ihre Freiheit stehen nie wirklich auf dem Spiel. Für Mann bedeutete das Bekenntnis Exil, Staatenlosigkeit, den Schatten der Vernichtung unter einem Regime, das Dissens verachtete. Auch anderswo sind die Einsätze höher: In Äthiopien wird Hachalu Hundessa für seine Lieder ermordet. In Belarus stirbt Roman Bandarenka nach staatlicher Gewalt. In Iran und Syrien werden Künstler zum Schweigen gebracht, inhaftiert, ins Exil gezwungen oder ausgelöscht. Die Liste der bedrohten Künstler – dokumentiert von Organisationen wie Freemuse – wächst von Jahr zu Jahr. Sie endet nicht hier. Sie ist, in Wahrheit, endlos.

Das Beispiel von Swift und Mann zeigt: Niemand ist wirklich unpolitisch, wenn die Zeit Haltung verlangt. Doch der Mythos des plötzlichen Erwachens vereinfacht, was in Wahrheit ein langer, widersprüchlicher Prozess ist. Die tägliche Arbeit, der Kampf, das Risiko – sie verschwinden hinter der Erzählung des dramatischen Bruchs. Wer politisches Engagement verstehen will, sollte weniger auf die Inszenierung des Moments schauen als auf die Mühen des Alltags.

Das ist die eigentliche Herausforderung der Demokratie: nicht das Spektakel der Bekehrung, sondern die Beharrlichkeit des Engagements, die Ausdauer des Zweifels, der Mut, ohne Gewissheit zu handeln.

Am Ende ist das politische Erwachen weniger ein Moment als eine Bewegung – eine Bewegung im Selbst, eine Bewegung durch die Geschichte, eine Bewegung, die sich der Glätte der Erzählung widersetzt. Es ist das langsame Entfalten des Bewusstseins, das geduldige Entlarven von Illusionen, das stille Beharren auf Zeugenschaft. Es ist vor allem eine Praxis der Aufmerksamkeit: auf die Welt, auf andere und auf sich selbst.

About the author

Mirko Lux is the former editor and coordinator of MANN 2025: 150 YEARS OF THOMAS MANN. From 2013 until June 2025, he served as Program and Communications Officer at the Berlin office of Villa Aurora & Thomas Mann House. He now works as Officer for Science Communication at the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law in Heidelberg. Lux studied Modern German Literature and Art History in Berlin and Siena and previously worked as a freelance journalist and photographer.

Image: OSTKREUZ / Tobias Kruse

Mirko Lux, an einer Wand lehnend. Pflanzen im Vordergrund.
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