Doch seit einem Jahr lese ich fast nur noch Essays und Sachbücher. Vielleicht liegt es daran, dass das Buch, das ich gerade schreibe kein Roman werden wird und kann, womöglich ist es auch das eigene Alter. Nicht alle Essays altern gut, das gilt auch für Thomas Mann, aber bei einem solch umfangreichen Werk und einer nicht minder komplizierten Persönlichkeit ist es nicht weiter verwunderlich. Auch ich behalte mir das Recht vor, meine Meinung zu ändern.
Ich arbeite gerade an einem sehr persönlichen Text, in dem es über die Flucht meiner Großmutter vor der Wehrmacht, ihr Überleben, die Shoah und mein Verhältnis zu Deutschland geht. Natürlich gibt es bereits eine Menge Texte zu diesem Thema und ich glaube nicht, dass mein Text noch etwas Außerordentliches beitragen könnte. Auf der anderen Seite gibt es eine Stelle im Roman Nach dem Gedächtnis von Maria Stepanova, in der die Erzählerin ihre Recherche im Holocaust-Museum in Washington beschreibt: Ein Historiker hatte sich nach ihrem Buch erkundigt und als die Erzählerin mit ihrer Erklärung fertig war, sagte ihr Gegenüber lediglich, es sei wieder ein Buch, in dem ein Autor auf der Suche nach seinen Wurzeln durch die Welt reise, und dass es davon nun viele gäbe1. Die Erzählerin erwiderte, dass es bald noch eines gäbe. In dieser Passage fand ich etwas unheimlich Tröstliches.
Von besonderem Interesse für meine Arbeit ist der Brief nach Deutschland: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe. Natürlich sind es auch der Stil, die Motive und die literarischen Motive Thomas Manns, die mich tief geprägt haben, allerdings fällt es mir immer schwer meine eigene Arbeit in Retroperspektive zu betrachten. Ich habe noch kein einziges meiner Bücher wiedergelesen, nachdem sie in den Druck gingen – mit der Ausnahme der kleinen Lesepassagen, die ich während der Lesungen vortrage. Und oft vergesse ich bereits nach dem Erscheinungstermin wieder gründlich, was ich eigentlich geschrieben habe. Deswegen ist es leichter mich darauf zu konzentrieren, was gerade jetzt für meine Arbeit wichtig ist – und das ist der Brief nach Deutschland.
Thomas Mann ging 1933 ins Exil, zuerst in die Schweiz, dann in die USA. Während des Krieges hatte er sich klar gegen das nationalsozialistische Regime positioniert und hielt sehr viele politische Reden, auch überraschend polemische, unter anderem für die BBC. Der Brief nach Deutschland ist eine Antwort auf einen offenen Brief des Schriftstellers Walter von Molo, der Thomas Mann schon im August 1945 dazu aufgefordert hatte nach Deutschland zurückzukehren, denn - so zumindest von Molo - würden die Deutschen keine Kollektivschuld tragen, Millionen hätten ihre Heimat nicht verlassen können, denn für sie gäbe es keinen anderen Platz »als daheim«. Und dann verglich von Molo auch noch das Leben in Deutschland mit dem in einem KZ und zeigt sich ganz und gar auf das »unsagbare Leid« der Deutschen fixiert. Wenig später mischte sich auch Frank Thieß, ein damals bekannter Autor ein, und warf den immigrierten Autor*innen in der Münchener Zeitung vor »aus den Logen und den Parterreplätzen des Auslandes der deutschen Tragödie« zuzuschauen.1 Eine beeindruckend ekelhafte Äußerung.
Thomas Mann entgegnete: »Sind diese zwölf Jahre und ihre Ergebnisse denn von der Tafel zu wischen und kann man tun, als seien sie nicht gewesen?«3 Auch seine Haltung gegenüber der inneren Immigration war klar: »Der Einzelne, wenn er zufällig kein Jude war, fand sich immer der Frage ausgesetzt: ›Warum eigentlich? Die anderen tun doch mit. Es kann doch so gefährlich nicht sein.‹«4
Heute sind oft dieselben Reflexe am Werk, es heißt oft, dass es doch endlich genug sein müsse mit dem Gedenken und der Schande, dass es eine Gnade der Geburt gäbe, oder dass die NS-Herrschaft lediglich »Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte seien«. Anscheinend konnte Thomas Mann sich nicht als deutsche Leitkultur durchsetzen. Dabei ist der Brief nach Deutschland klar in seiner Argumentation und Stilistik, ganz im Gegenteil zu gegenwärtigem Zeitgeist bestimmter politischer Vertreter*innen. Und das ist das, was ich an vielen Essays von Thomas Mann so beeindruckend finde, sich klar zu positionieren, politisch zu sein, ohne sich vereinnahmen zu lassen, und all das auch noch stilistisch brillant zu äußern und mit einer stringenten Argumentation zu glänzen.
Mein Verhältnis zu Deutschland ist nicht gerade eine Liebesgeschichte. Ich wanderte mit meinen Eltern und meinen Bruder 1996 von Aserbaidschan nach Deutschland als jüdischer Kontingentsflüchtling ein. Niemand von uns wollte nach Deutschland, meine Mutter, die Tochter einer Shoah-Überlebenden sagte damals: »Die Asche sei noch warm«, aber als Besitzer aserbaidschanischer Pässe waren unsere Möglichkeiten begrenzt, und Deutschland war immerhin Europa. Hier gab es keinen Krieg und bessere Chancen für mich und meinen Bruder, zumindest hofften dies meine Eltern. Ich bin in Deutschland geblieben, obwohl ich noch immer in sehr regelmäßigen Abständen darüber fantasiere das Land wieder zu verlassen. Nur wohin?
Dieses Dilemma habe ich nicht gelöst, es hat sich nur verschärft: aus mir wurde eine deutsch-sprachige Schriftstellerin, die nur auf Deutsch schreiben kann. Meine Kinder sind in Deutschland zu Welt gekommen, sie wachsen hier auf. Es ist eine Ambivalenz gegenüber Deutschland, die sich durch mein ganzes Leben hindurchzieht. Ich erziehe sie mehrsprachig, nicht damit sie später bessere berufliche Chancen haben oder weil es mir um Identität geht, sondern weil ich diesem Land nicht traue. Thomas Mann schreibt: »Heute bin ich amerikanischer Bürger und lange vor Deutschlands schrecklicher Niederlage habe ich öffentlich und privat erklärt, dass ich nicht die Absicht hätte, Amerika je wieder den Rücken zu kehren. Meine Kinder, von denen zwei Söhne noch heute im amerikanischen Heere dienen, sind eingewurzelt in diesem Lande, englisch sprechende Enkel wachsen um mich herum.«5
Das meiste von dem, was Thomas Mann über das Exil und Deutschland im Zweiten Weltkrieg schrieb, ist für meine gegenwärtige Arbeit essentiell. Dieses Unbehagen, und vielleicht auch der Wille (und für viele auch die Unmöglichkeit) zur Aussöhnung, den Thomas Mann am Ende seines Briefes formuliert hat, liegt auch der zeitgenössischen deutsch-sprachigen Literatur und der ganzen Gesellschaft zugrunde. Hierin liegt neben seinen Romanen die Aktualität seines Werkes. Nicht nur für mich.
Thomas Mann verließ schließlich die USA und ließ sich in der Schweiz nieder. Auch die neue Heimat hatte ihm misstraut, er musste vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe aussagen und wurde im Kongress als Stalins Verteidiger bezeichnet. Die »Einwurzelung« hatte nicht funktioniert.
1 Stepanova, Maria: Nach dem Gedächtnis, Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 2018, Seite 390f.
2 Rüther, Günther: Die Unmächtigen, Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945, BPB; 2016, Seite 42f.
3 Mann, Thomas: Brief nach Deutschland: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe, Fischer Verlag, Kindl-Ausgabe, Seite 20.
4 Mann, Thomas: Brief nach Deutschland: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe, Fischer Verlag, Kindl-Ausgabe, Seite 32.
5 Mann, Thomas: Brief nach Deutschland: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe, Fischer Verlag, Kindl-Ausgabe, Seite 45.
Über die Autrorin
Olga Grjasnowa, geboren in Baku, Aserbaidschan. Sie lebt als Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, der Türkei, den USA und Israel. Sie hat bislang einen Essay und vier Romane veröffentlicht, zuletzt 2020 Der verlorene Sohn. Ihre Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt, fürs Radio und die Bühne adaptiert und verfilmt.

