Behinderung, Macht und Rache: Eine Neuperspektivierung von "Mario und der Zauberer"

Essay

Wie die meisten literarischen Texte Thomas Manns basiert auch Mario und der Zauberer auf persönlichen Erfahrungen. Im Sommer 1926 verbrachte die Familie einen Badeurlaub im italienischen Forte die Marmi, wo sie all jene Erfahrung machte, die sich in der Novelle wiederfinden: die nationalistischen Konflikte, Dispute mit der Polizei sowie die Abendvorstellung eines Illusionisten und Hypnotiseurs.

Diese Erlebnisse wurden jedoch erst drei Jahre später in Literatur überführt. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich auch in Deutschland die Gefahr des Faschismus unübersehbar ab, dessen Ausprägungen und Manifestationen Mann in Italien am eigenen Leibe wahrgenommen hatte.

In diesem Lichte mag es mag es wenig überraschen, dass die Forschung bereits früh auf den politischen Gehalt der Novelle aufmerksam gemacht hat, etwa durch Georg Lukács, der sie als Ausdruck der Hilflosigkeit des deutschen Bürgertums im Angesicht des aufkommenden Faschismus interpretierte. Der physisch geschädigte Hypnosekünstler Cipolla gilt dabei als Verkörperung einer faschistischen Führer- und Verführerfigur, analog zu Mussolini und Hitler. Die jüngere Forschung fokussiert dabei neben der Identität des Illusionisten als Führungsfigur auch sein Künstlertum und die Ausgestaltung dessen.

Der Umstand, dass es sich bei Cipolla, der eigentlichen Hauptfigur der Novelle, um eine körperlich stark beschädigte Figur handelt, öffnet den Text für eine zusätzliche, innovative und hochaktuelle Perspektive: die der Disability Studies. Diese Disziplin untersucht, wie bei literarischen Figuren in deren Erlebniswelt Normabweichungen, die als Behinderung gelten, konstruiert werden, wie sie sich manifestieren und welche Konsequenzen sie im Verlauf der Handlung haben. Dadurch wird die Neuperspektivierung einer körperlich beeinträchtigten Künstlerfigur ermöglicht, die ihre Kunst als Mittel zur Rache und zur Behinderung anderer einsetzt.

Die körperliche Behinderung Cipollas

Noch bevor Cipollas Hypnosekunst zu Tage tritt, findet sich seine korporale Erscheinung im Fokus von Erzähler und den übrigen Zuschauer:innen. Das geschieht vor dem Hintergrund der faschistischen Kultur Mussolinis Italiens, die das Gesundheitsideal und Männnlichkeitsbild der bürgerlichen Moderne radikalisiert. Ein Mann wird nur dann als solcher angesehen, wenn er physisch dazu in der Lage ist, den Faschismus mit der Waffe in der Hand zu verteidigen und zu verbreiten. Dazu ist der als Krüppel bezeichnete Cipolla nicht in der Lage; auch konnte er aufgrund seines Körpers nicht am Ersten Weltkrieg teilnehmen, wofür er gesellschaftlich geächtet und exkludiert wird. Sein Körper behindert Cipolla dabei jedoch weiter: Er verunmöglicht ihm das Führen von zwischenmenschlichen Beziehungen, da er – so die plausible Annahme – derart tiefgreifend gegen die ästhetischen Ideale der Gesellschaft verstößt, dass andere ihn bereits aufgrund seines Aussehens meiden und ausgrenzen.

Diese dadurch in ihren Grundfesten behinderte Existenz, die ihm ein erfülltes Leben nach den sozialen Normvorstellungen verwehrt, ist die Kernursache für sein Verhalten im Zuge der Zaubervorstellung. Sein Ziel ist es, an den Anwesenden stellvertretend Rache zu nehmen für den gesellschaftlichen Umgang mit ihm und sich aus der fremddeterminierten und exkludierten Stellung in eine Position der Macht zu befördern – dies vollzieht er mit Hilfe seiner Kunst.

Cipollas Kunst als Ability und Instrument der Behinderung

Anders als in den meisten anderen Texten Thomas Manns, besonders mit Blick auf die frühen Erzählungen, ist in Mario und der Zauberer die Kunst nicht der Grund für die soziale Ausgrenzung ihres Betreibers. Im Gegenteil: Cipollas besondere, hypnotische Kunstfähigkeit ist dafür verantwortlich, dass dieser gesellschaftliche Außenseiter überhaupt zu etwas wird und bereits erfolgreich vor dem Bruder des Duce auftreten konnte. Kunst ist für Cipolla damit keine Behinderung (oder Disability), sondern vielmehr eine Befähigung (oder Ability).

Diese nutzt er auf vielfältige Art und Weise, um sich eine Machtposition zu verschaffen und wiederum andere Figuren zu behindern. In seinem ersten Opfer, einem jungen, aufmüpfigen und eigentlich völlig gesunden Mann, induziert Cipolla etwa per Hypnose eine Kolik, worauf dieser seinen Körper unnatürlich staucht und verbiegt. Dies kann als Racheventil für Cipolla verstanden werden, der dadurch einen weiteren Krüppel erzeugt und Vergeltung für seine eigenen Schmerzen aufgrund seiner physischen Beeinträchtigung erreicht.

Doch Cipolla geht beim Missbrauch seiner Kunst zu Rachezwecken noch weiter: Da er aufgrund seiner körperlichen Schädigung bis zu den Geschehnissen der Erzählung nie eine emotional tiefgreifende zwischenmenschliche Beziehung führen konnte, will er durch seinen Umgang mit dem Ehepaar Angiolieri demonstrieren, dass er über eine größere Macht als die Liebe verfügt. Er unterwirft die Ehefrau und lockt die Dame immer weiter aus der Sphäre der Liebe in seine Richtung, die Sphäre des gesellschaftlich behinderten Lebens ohne Liebe, er behindert das Ehepaar existenziell in dessen Beziehung und ihren Emotionen.

Den Thron seines Erfolges besteigt Cipolla mit seinem Vergehen am Kellner Mario. Er suggeriert diesem das Leiden an Liebeskummer und evoziert vor Marios innerem Auge dessen geliebte Silvestra. Dabei verwendet der Hypnosekünstler den jungen und attraktiven Kellner als Objekt zur Überwindung seines eigenen Traumas, zur Demonstration dessen, dass er sich nicht mehr in einer Position der Schwäche und Abhängigkeit befindet – au contraire. Er bringt Mario dazu, ihn zu küssen. Cipolla gelingt es, ihn komplett seinem Willen zu unterwerfen, ihn zum Gespött zu machen, ihn letztlich zu behindern. Diese basiert einerseits auf der vollständigen Beraubung dessen freien Willens. Andererseits öffnet er damit den Gender-Aspekt. Der Hypnotiseur zwingt Mario in die Sphäre der Homosexualität, die im faschistischen Italien gesellschaftlich geächtet war, wodurch der Kellner auch auf dieser Ebene zum Opfer sozialer Behinderung durch zu erwartende Ausgrenzung wird.

Das Ende – der Mord an Cipolla

Der Text endet bekanntermaßen damit, dass Mario den Hypnotiseur nach dem Erwachen aus der Trance angesichts der schockierenden Demütigung mit zwei Schüssen niederstreckt. Im Rahmen der Betrachtung bieten sich dafür zwei Interpretationen an. Als physisch beeinträchtige Figur kann Cipolla als Symbol derjenigen Schwäche angesehen werden, deren Tilgung vom Faschismus angestrebt wurde. Insofern kann der Mord an Cipolla durchaus als gewaltsames Entfernen eines Störfaktors durch das faschistische Regime gelesen werden. So wird Mario etwa zu Cipollas Henker, zum Vollstrecker der finalen Exklusion und Behinderung, die das Ende des Lebens des Hypnotiseurs markiert.  Der zweite Deutungsansatz basiert auf Cipollas Künstlerexistenz. In Mario und der Zauberer wird demonstriert, welch Gefahr von einem Künstler ausgehen kann. Mario agiert dabei als Beschützer der Text-Gesellschaft vor einem Künstler, der sie aufgrund von behindernden Vorerfahrungen bedroht. Thomas Mann zeigt also auf, wie gefährlich ein Künstler werden kann, wenn dieser seine Fähigkeiten und Macht gegen das Sozialgefüge wendet. Um dieses vor dem Hypnose-Künstler zu schützen, muss Mario gewaltsam einschreiten. Der Mord wird so zum letzten Schutzmechanismen, der die Gesellschaft vor Cipolla bewahrt. Dieser wird im Umkehrschluss ein weiteres und letztes Mal von der ihm umgebenden Gesellschaft exkludiert – und zwar endgültig. Eine solche Gefahr wie er darf in der Gesellschaft nicht existieren also behindert sie seine Existenz auf die radikalste Art und Weise der Fremdexklusion: durch die Beendigung seines Lebens.

Über den Autor

Jan Hurta ist Literaturwissenschaftler und derzeit als Lehrbeauftragter an der Universität Koblenz tätig. Ferner arbeitet er am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg an seiner Dissertation zum Thema der Behinderung im Werk von Thomas Mann und hat im Jahr 2026 die Max Kade-Gastprofessur an der University of Cincinnati inne. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Literatur der Klassischen Moderne und insbesondere auf dem Werk Thomas Manns, wozu er neben zwei Monographien auch eine Vielzahl von Aufsätzen publiziert hat.